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Foto: Gert Weigelt

Gert Weigelt

Gert Weigelt (75) wirkt leiser als seine Bilder. Man muss sich anstrengen, konzentriert zuhören, um dann doch vieles über die Zusammenhänge zwischen Tanz und Körperlichkeit und deren Umsetzung in der Fotografie zu erfahren. Er hat einen langen Weg hinter sich. In Berlin und Kopenhagen wurde Weigelt zum klassischen Bühnentänzer ausgebildet, später (1967-1975) tanzte er beim Königlich Schwedischen Ballett in Stockholm, beim schwedischen Cullberg-Ballett und beim Nederlands Dans Theater. Schon als Tänzer arbeitete er mit den wichtigsten Choreografen seiner Zeit wie Hans van Manen, Jerome Robbins, Jiří Kylián, Kurt Jooss oder Glen Tetley zusammen. Über das Ende seine Tanzkarriere sagt er: „Es war eine rationale Entscheidung. Ich war knappe 32; der Körper entwickelt sich nicht mehr vorwärts, sondern rückwärts und du musst verdammt viel arbeiten, um gewisse Standards zu halten.“

Da er bereits während seiner Bühnenkar-riere gern fotografiert hatte, schaffte er scheinbar mühelos den Berufswechsel und fing an, künstlerische Fotografie an der Fachhochschule für Kunst und Design in Köln zu studieren. Trotz seiner Ernennung zum Meisterschüler bezeichnet er sich als fotografischen Autodidakten. Das überrascht nicht, denn mit den in seinem Kopf entstehenden Bildern konnte kein Ausbilder Schritt halten. „Ich hatte zwar nie vor, mich komplett vom Tanz abzunabeln, und wollte schon dem Theater verbunden bleiben, aber plötzlich wurden andere Dinge wichtiger. Die bildenden Künste nahmen in meinem Leben mehr Raum ein.“ Die Zeit war richtig; fotografische Persön-lichkeiten wie Robert Mapplethorpe, Helmut Newton oder Richard Avedon prägten den Zeitgeist der Epoche und Gert Weigelt ließ sich gern inspirieren.

„Ganz wichtig war für mich die Resonanz, die ich aus Holland erfuhr. Hans van Manen, der große Choreograph, war damals in einer Phase, in der er sich professionell der Fotografie widmete. Man kann ruhig sagen, dass sich da eine „Amsterdamer Schule“ gründete, deren Lokomotive Hans van Manen war. Damals kam auch der bis dahin nur in Fachkreisen bekannte Robert Mapplethorpe nach Amsterdam, wo er seine erste Ausstel-lung in Europa in der Galerie Jurka hatte.
All das hat mich sehr inspiriert und angespornt. Parallel dazu fotografierte ich bei meinen Holland-Besuchen die Produktionen des Nederlands Dans Theater in Den Haag.“ Er begann, eigene Inszenierungen im Kopf zu entwickeln, um sie in seinem Studio zu realisieren. Mit einer mittelformatigen Hasselblad in Schwarz-Weiß. „Man darf auch nicht vergessen, dass ich zu dieser Zeit von den Arbeiten der Pina Bausch fasziniert war. Vieles, was sie auf die Bühne brachte, war quasi eine Art „Steilvorlage“ für meine inszenierte Studiofotografie. Überhaupt muss man immer im Hinterkopf behalten, dass ich vom Theater komme – was wiederum meine Lust am Inszenieren miterklärt.“

Die Bilder. Scheinbar physischen Gesetzen widersprechend auf dem Höhenpunkt der Bewegung eingefroren, wie aus Marmor gehauen, erotisch und überzogen mit einem Hauch von Gewalt – ob sanft hintergründig oder schmerzhaft vordergründig –, manchmal surreal wirkend und klar in der Form, überraschend im Inhalt... „Damals hatte ich stets ein Skizzenbuch dabei. Wann immer mir eine Idee kam, zeichnete ich sie auf. Dann lud ich die ‚Models‘ in mein Atelier ein, um die Idee fotografisch umzusetzen. Der Rest war Chemie.“ Gert Weigelt zitiert gern, lässt sich von der Kunstgeschichte inspirieren, beobachtet aber auch aufmerksam die Umgebung. Das alles etablierte ihn vereint mit Sensibilität als einen der wichtigsten deutschen Tanzfotografen seiner Zeit. Seit Mitte der 1970er-Jahre begleitete er die Arbeit von Choreographen wie Pina Bausch, Hans van Manen, Maurice Béjart, Susanne Linke, William Forsythe, Gerhard Bohner, Jiří Kylián oder Martin Schläpfer. Die Fotografie setzt im Gegensatz zum Tanz keine physischen Grenzen und so tourt Weigelt weiterhin im Auftrag des Tanzes durch die Republik und fotografiert die neuesten Produktionen (Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg - Martin Schläpfer). In den 90er-Jahren widmete er sich auch dem Film. In seinem Studio entstanden sechs kurze Tanzvideos für das ZDF; ebenso verspielt und überraschend wie die Fotos, nur um die natürliche Dimension des Tanzes, der Bewegung und der Musik bereichert. Er nennt dieses Genre „Bildchoreografie“. „Mein Ausflug zum Film (Video) hat mir viel Spaß gebracht, in der Rückschau war es aber doch eher nur eine Caprice.“ „...Dann brach das digitale Zeitalter über uns herein. Ein Segen für die Theater- und Tanzfotografie, nicht unbedingt für die künstlerische Fotografie. Meine Dunkelkammer habe ich trockengelegt. Der Phantomschmerz des Verlusts bleibt.“ (Teilweise zitiert aus dem Gespräch zwischen Gert Weigelt und Thomas Thorausch, dem Kurator der Ausstellung, das im Januar 2018 geführt wurde.)

Für die Plakatserie „Ballett am Rhein“ erhielt Gert Weigelt 2014 zusammen mit den Grafikern Nicolas Markwald und Nina Neusitzer in der Sparte Kommunikationsdesign den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland. Er ist Autor von zahlreichen Büchern und Katalogen über den Tanz und die Tanzkultur in Deutschland und hat auch eine eigene Kolumne im Online-Tanzmagazin
www.tanznetz.de. Die Ausstellung „Gert Weigelt. Autopsie in Schwarz-Weiß“ ist im Tanzmuseum des Deutschen Tanzarchivs in Köln bis zum 27.1.2019 zu sehen und wird von einem Katalog begleitet.

von Josef Šnobl

 

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