Rike Stausberg

 

Interview mit Rike Stausberg von Elke Erben

Auf die Frage nach ihrem Hobby gab es folgende Antwort:

Mein Hobby ist mein Leben, denn alles was ich mache, tue ich mit großer Zugewandtheit. Alle Tätigkeiten haben für mich einen ähnlichen Stellenwert, auch wirtschaftlich. Ist ja auch an dem Ort wo wir hier sitzen erkennbar: Ich trenne nicht zwischen Arbeit und Freizeit. Sehr wichtig ist mir der tägliche Spaziergang durch den Wald. Das gibt mir Ruhe und Kraft.

Hast Du ein Lebensmotto?

(kurzes Zögern) Ich bin nicht Mensch, der eine Seele hat, sondern Seele, die sich auf Menschin-Sein eingelassen hat. Es ist ein riesiger Unterschied, ob Du als Mann oder Frau auf dieser Welt bist. Unser Wachsen und Werden geht deutlich über das hinaus, was als biologische Lebensspanne definiert wird.  

Im Grunde bin ich zu einem Fernstudium in dieser Welt. Wichtig und hilfreich ist mir dabei, dass ich Niederlagen und Rückschlägen in meinem Leben so auch eine humorige Seite abgewinnen kann.

Wie definierst Du Kreativität und Kunst für Dich?Rike-Stausberg

Kreativität ist das individuelle Finden von Lösungen und Übersetzungen. Kunst ist die Materialisierung von Nicht-Sichtbarem, aber Vorhandenem. Kunst erschafft sich aus dem freien Raum, aus einer Idee/Intuition entsteht etwas und verstofflicht sich, egal ob in Wort, Bild, Tanz oder  Gesang…

Gute Kunst ist immer stimmig. Etwas wirkt schlüssig – eine geniale Übersetzung von dem was ist, in das was sich zeigen möchte.

Wie bist Du zur Kunst gekommen?

Als Kind habe ich sehr gerne gezeichnet, meine Mutter erzählte oft, dass sie meine Zeichnungen sehr berührt haben. Die Männchen hätten gelebt. Leider sind diese Zeichnungen durch die vielen Umzüge verloren gegangen. Und „meine Kunst“ hat ab der Einschulung aufgehört, dort wurden andere Kriterien gefördert…

Mein Weg zu meiner heutigen Arbeit war ein wenig holprig: Eigentlich wollte ich gerne zur Kriminalpolizei (und ich bin glücklich, dass dieser Kelch an mir vorüber gezogen ist...) Dafür brauchte man damals allerdings eine andere, bereits abgeschlossene Berufsausbildung.  Also habe ich Sozialarbeit in Düsseldorf studiert. Dann wechselte ich nach Washington D.C. und habe mit den obligatorischen General Studies (Ausrichtung Psychologie) begonnen. Ich fühlte mich aber im Seminar Englisch für Ausländer sehr unterfordert und so habe ich währenddessen wieder angefangen zu kritzeln/zeichnen. Das hat mein Professor entdeckt und mir empfohlen Kunst oder Grafik zu studieren. Darüber hatte ich bis dahin nicht wirklich nachgedacht … Zurück in Deutschland hatte ich ein langes Gespräch mit meinen Eltern, die mich zu einem Grafik-Design-Studium ermuntert haben. Also 8 Semester lang handwerkliches Geschick und gestalterische Disziplin bis in die Dimensionen der Haarspalterei. Fähigkeiten, die man wohl auch in der Zahnmedizin oder Gefäßchirurgie benötigt. Leidvolle  Erfahrungen, die mir aber immer noch nützlich sind....

Anschließend habe ich in Werbeagenturen gearbeitet, aber das war eher scheußlich. Kreativität auf Knopfdruck in hipper Umgebung mit hohem Ausbeutungspotenzial.

Dann kam die große Sinnfrage... und ich begann, wieder zu malen und zu zeichnen. Bis heute.

Wie würdest Du Deine Kunst charakterisieren?

Als Meine. Ich denke ich bin ein gutes Medium für das, was sich zeigen möchte. Es scheint als ob die Dinge durch mich hindurch schwimmen. Ich nutze lediglich meine handwerkliche Bandbreite, um sie sichtbar zu machen. Dabei hat mein individuelles Gepräge durchaus so etwas wie eine Filterfunktion.

Meine Handschrift sieht man meinen Arbeiten deutlich an. Kunstsach-verständige würden meine Arbeiten vielleicht als „informel“ bezeichnen. Ich erlebe aber kunsthistorische Katalogisierung oft als enorm fragwürdig und sehr kurz gegriffen.

Welcher Mensch/Künstler hat Dich möglicherweise geprägt?

Keiner. Allerdings schwärme ich für
Cy Twombly und Julius Bissier.

Was bedeutet Dir Erfolg/Anerkennung?

Viel. Denn das ist eine Form der Wert-schätzung, eine Menschenwährung, die jeder braucht. 

Wenn die Welt meine Kunst annehmen möchte, ist das für mich eine Bestätigung meines Schaffens und ein Ansporn weiter zu machen. Es tut mir gut…

Welcher Form der Anerkennung magst Du am liebsten?

Geld ist nicht die höchste Anerkennung, aber im Moment die hilfreichste.

Was war Deine wichtigste Ausstellung bisher?

Auf jeden Fall die allererste. In der Joseph-DuMont-Schule in Köln 1996. Ein sehr spannungsvolles  Gefühl, ganz allein mit der ausgestellten Innerlichkeit dazustehen. Und die Ungewissheit, ob und wie es auf andere wirkt.  Es war ein großes Erlebnis, eine Art Initialzündung. 

Wichtig war auch die Beteiligung an der Messe für Zeitgenössische Kunst in Pulheim im Juni 2011. Dort habe ich meine Storyboards gezeigt und Kontakte mit Galerien aufnehmen können. 

Hast Du ein Lieblingswerk, auf das Du besonders stolz bist?

Nein, ich bin sehr einverstanden mit allem, was ich zeige. 

Arbeitest Du lieber allein oder mit anderen?

Künstlerisch arbeite ich immer allein. Es ist ein Prozess, der einer großen inneren Konzentration bedarf. Mit anderen arbeite ich aber gerne zusammen, wenn es um die Ausrichtung gemeinsamer Projekte oder Ausstellungen geht.

Gibt es für Dich bestimmte Arbeitszeiten/
-orte?

Früher hatte ich getrennte Orte. Heute habe ich alles unter einem Dach. Denn ich befinde mich im Grunde immer in einem Schaffensprozess und da garantiert die Zusammenlegung von Wohnen und Arbeiten eine größere Unmittelbarkeit. Am besten kann ich morgens arbeiten... und dann den ganzen Tag durch. Abends ist meine Konzentrationsenergie verbraucht. Da mache ich dann, wenn überhaupt, rein handwerkliche Dinge wie z. B. Arbeiten rahmen etc.

Was würdest Du jemandem raten, der den Weg des Künstlers gehen möchte?

Zunächst prüfen, aus welchen Quellen sich dieses Ansinnen nährt: Handelt es sich um die Chimäre Erfolg, Geld und Berühmtheit oder ist es der tiefempfundene Wunsch nach Ausdruck und Werterfüllung.

KünstlerIn wird man nicht, KünstlerIn ist man. Jeder von uns trägt diesen Funken in sich. Man muss sich „nur“ trauen, das auch zu leben. Kunst „machen“ erfordert in jeder Hinsicht Mut. Also würde ich raten: Habe Mut und halte durch!

Welche Vor- und Nachteile haben Netzwerke (unter Künstlern)?

Netzwerke haben den Vorteil von Gemeinschaftlichkeit und somit größerer Durchsetzungsstärke. 

Ich fühle mich wohl in Netzwerken, in denen Geben und Nehmen im Gleichklang stehen. Leider ist das aber selten so.

Hast Du vor etwas Angst?

Angst habe ich vor vielen Dingen, primär aber vor Dummheit. Nicht in Form von fehlender Bildung, sondern von Igno-ranz – mangelnder Einfühlung in das, was ist. 

Viele Menschen definieren sich über das, was sie darstellen möchten und nicht über das, was sie bereits sind. Daher dominiert das Trennende, Ausgrenzende und Rivalisierende und nicht das Verbindende. Ein guter Nährboden für alle kleinen und großen Katastrophen der Menschheit...

Was ist Dir besonders wichtig im Leben?

(Lacht) Alles das, was ich Dir gerade erzählt habe. Wichtig ist mir auch, dass ich einen Ort habe, den ich als meinen bezeichnen darf, an dem ich mich hier auf der Welt (während meines Fernstudiums) geborgen fühle. Eine der wichtigsten und wertvollsten Erfahrung in meinem Leben war die zehnjährige Begleitung meines an Alzheimer erkrankten und mittlerweile verstorbenen Vaters. Nie zuvor habe ich so viel über Denken und/oder Sein lernen dürfen... vom Haben ganz zu schweigen.

Hast Du einen künstlerischen Traum?

Ja! Ich stelle mir vor, ich sitze an einem Frühlingsmorgen um 10 Uhr auf der Treppe in der Pinakothek der Moderne in München. Wärme und Licht erfüllen den Ort und mehrere Museumsmitarbeiter tragen behutsam Bilder hin und her. Es sind meine Arbeiten und ich gebe Empfehlungen zur Hängung....