Häuser ohne Ecken

häuser ohne ecken

Häuser ohneMan muss allerdings nicht unbedingt weit reisen, um ein ungewöhnliches Raumgefühl in einem Haus ohne Ecken erfahren zu können. Seit ein paar Jahren importiert nämlich Eugen Seibert aus Leuscheid aus seiner ehemaligen Heimat Kirgisistan Jurten nach Deutschland und verkauft und vermietet diese dann in alle Winde.

 

Vor etwa 200 Jahren waren seine Vorfahren aus Deutschland ausgewandert und siedelten sich dann – nach einem Umweg über Sibirien – vor circa hundert Jahren in Kirgisistan an. Dort lebten sie in einem Ort zusammen mit bis zu 70 Prozent anderen Deutschstämmigen. Da das Leben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion immer schwieriger wurde, zog die Familie 1998 nach Windeck. Nach ein paar Jahren kam die Idee auf, hier in Deutschland mit kirgisischen, in alter handwerklicher Tradition hergestellten Filzpantoffeln und Mützen zu handeln. Und von den Filzarbeiten aus der Schafwolle ist es nicht weit zu der mit Liebe zum Detail verzierten reichen Kunst  kirgisischer Filzteppiche mit einzigartigen Ornamenten und Rankenmustern alter Symbole, die Geschichten über das Leben auf der Bergsteppe erzählen. Ein solcher handgemachter farbenfroher Teppich gilt seit jeher als sehr wertvoller Besitz und fehlt in Kirgisistan in keiner Jurte. Durch den Vertrieb von Jurten hier in Deutschland hat Eugen Seibert Gelegenheit, mehrere Familien dort zu unterstützen, die für das Gerippe der Jurten Äste aus Weidenbäumen schneiden, Filzmatten oder Strohmatten herstellen oder Seile aus Yak-Haar fertigen. Das Besondere an den kirgisischen Jurten ist, dass sie wegen der gebogenen Weidenruten keine Mittelpfosten benötigen. Eugen Seibert hatte sich zu Sowjetzeiten gewundert, warum die Kirgisen lieber in Jurten wohnten als in Häusern. Heute weiß er, dass diese dank der gefilzten Wolle besser  vor Kälte und Hitze schützen und sich sehr gut an jede Temperatur anpassen.

In den letzten Jahren haben Jurten auf dem westlichen Markt an Popularität gewonnen und so stehen vom Geschäftsmann Seibert besorgte Jurten bereits in Australien, Island, Österreich, den Niederlanden, in Frankreich und der Schweiz sowie natürlich ebenfalls in Deutschland, wo sie neben vielerlei Nutzungen auch als Gastunterkünfte dienen. 

Aber viel besser als ein Aufenthalt in einer Jurte in vertrauter Umgebung ist es, Ruhe und Geborgenheit in einer 7000 Kilometer entfernten Jurte zu finden. Seit Kurzem hat Eugen Seibert deshalb sein Aktionsfeld noch erweitert. In Kirgisistan, in dem Land, dessen Flagge die stilisierte Darstellung des Dachs einer Jurte zeigt, auf 1600 Meter Höhe, am Ufer des zweitgrößten Bergsees der Welt mit Namen Yssykköl, mit imposantem Ausblick auf bis zu 5000 Meter hohe Berge, betreibt er für Touristen ein von ihm mit errichtetes Jurtendorf. Die einzelnen Bauelemente bestehen ausschließlich aus hochwertigen natürlichen Rohstoffen. Hier in einem Naturschutzgebiet finden sich Möglichkeiten zum Wandern im Tianshan-Gebirge mit Schluchten, Wasserfällen und Gletschern, wo in der ganzjährigen weißen Pracht nach Spuren von Schneeleoparden Ausschau gehalten werden kann. In den großen Walnussbaumwäldern Kirgisistans tummeln sich Rehe, Bären, Adler, Wölfe und Marco-Polo-Schafe. Der 6236 km² große „Heiße See“ am Jurtendorf, der aus 118 Zuflüssen entstanden ist, lädt mit seinen 688 Kilometern Küste zum Baden ein. In einem Land, das wegen seiner Pferdezucht berühmt ist, bieten sich natürlich auch Gelegenheiten zu Ausflügen zu Pferde. 

Vielleicht ist ja während Ihres Urlaubs im Jurtendorf gerade die Zeit, in der am See die „Weltspiele der Nomaden“ ausgetragen werden. Zu diesen reisen aus allen umliegenden Republiken und aus China und der Türkei Sportdelegationen an. Oder es wird gerade die Internationale Handwerker-Messe am See veranstaltet. Die Schönheit und die leuchtenden Farben der dort ausgestellten Teppiche, Puppen, Schals, Stickereien, Webarbeiten und Schmuckstücke repräsentieren ein an vielen Orten Kirgisistans anzutreffendes uraltes Kunsthandwerk, angefertigt von gastfreundlichen Menschen. Zu einem lebhaften kulturellen Austausch zwischen Filzexperten in Deutschland und kirgisischen Kunsthandwerkerinnen kommt es seit ein paar Jahren dank „Shardana“, einer deutsche Organisation, die genau wie Eugen Seibert mit seinen Jurten an der Messe „Bazaar Berlin“ teilnimmt. Shardana fördert die Wiederbelebung des kunsthandwerklichen Erbes Kirgisistans und transformiert es in die Moderne, um besonders den Künstlerinnen, die fernab der Hauptstadt in den Bergen leben, eine Chance zu bieten, durch eine europäische Vermarktung ihren Familien eine stabile Lebensgrundlage zu geben.


Eine der traditionellen Jurten steht seit diesem Jahr auf dem Grundstück der Familie Stiebeling in Windeck-Ehrenhausen und kann zum Übernachten gemietet werden ( www.biomasala.de).

Kontakt Fam. Seibert: 02292-931648

 

Text: Helga Loser-Cammann

Fotoquelle: Eugen Seibert