Anja Gockel

anja Gockel

Sie bezeichnet sich als Designerin mit Leib und Seele. Mit ihrer unverwechselbaren Handschrift kreiert sie seit 20 Jahren erfolgreich fantasievolle Kollektionen und begeistert Frauen auf der ganzen Welt, von der Queen bis zur ganz normalen Frau. Sie ist authentisch, stark, offen, glaubwürdig – und sehr bodenständig. Wie ihre Mode.

 

Frau Gockel, Sie machen seit 20 Jahren Mode für selbstbewusste Frauen und sind im Januar auf der Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin zum Designer des Jahres 2017 gekürt worden. Wie würden Sie sich als Designerin beschreiben?

Meine Kollektion ist sehr eigensinnig, klar, feminin, sichtbar und ich empfinde sie als sehr schön. Ich liebe die Schönheit, und die Kollektion soll die Frau schöner machen. Man kann sie gut tragen. Ich liebe Farbe, weil sie für mich Sichtbarkeit und Leben bedeutet. Ich möchte sichtbar sein und ich möchte es genießen. Diese zwei Punkte möchte ich mit meiner Kollektion zelebrieren. Mit meiner Kleidung kann man sich nicht verstecken. 

Vermissen Sie diese Aspekte, die Sichtbarkeit und Farbigkeit, in der Modewelt?

Ja, ich bin immer ganz erstaunt, dass viele Frauen und Männer sich unsichtbar machen, sich in die Menge einordnen. Einmal kam eine Frau in meinen Laden – sie war schön, lebendig, ihre Haut, ihre Augen strahlten und sie sagte einen Schlüsselsatz: „Ja, dann werde ich gesehen.“ Ich habe mir gedacht: Sie sind 80 Jahre auf dieser Welt und wurden nicht gesehen. Wie furchtbar! Ich selbst kann es nicht nachvollziehen, dass man nicht sichtbar sein möchte. Ich möchte nicht aus dem Rahmen fallen, keine Sonderrolle, aber ich möchte gesehen werden. Für solche Frauen designe ich meine Kollektion. Für Frauen, die sich schön sehen wollen, auch im Alltag, damit es ihnen gut geht.

Welche Eigenschaften braucht man, um erfolgreich zu sein?

In der Modebranche befinden wir uns in einer Art Krieg. Da sterben nicht nur die kleinen, sondern zunehmend auch die großen Unternehmen. Um erfolgreich zu sein, brauche ich diese Sichtbarkeit, Eindeutigkeit und Klarheit. Die habe ich und deswegen habe ich es geschafft, 20 Jahre am Leben zu bleiben, und es geht mir trotz der schweren Zeiten gut.

Sie gehen unbeirrt Ihren eigenen Weg.Anja Gockel Köln

Ganz genau. Es bringt gar nichts, etwas zu kopieren. Natürlich schaue ich mich um, was die Kollegen machen. Jedes Mal, wenn ich versucht habe, es ähnlich zu machen, brachte es nichts. Das ist das Spannendste an dem Ganzen: dass man auf sich zurückgeworfen wird und dann seinen Weg finden muss. Deshalb dieses Sprichwort „my way or the highway“ (entweder so oder gar nicht) – so habe ich es immer empfunden: Man braucht ein kleines Team, aber das Team muss genau den Weg gehen können und wollen, sonst funktioniert es nicht.

Mich beeindruckt, dass Sie nicht nur, wie üblich, schlanke Frauen anziehen, sondern auch korpulentere. Die einem ja auch viel öfter begegnen, wenn man sich in der Stadt umschaut.  

Wir machen von Größe 34 bis 50. Ich habe überhaupt keine Berührungsängste, im Gegenteil: Ich will alle schöner machen.

Wo suchen und finden Sie Ihre Inspiration? In der Natur, in der Kunst, im Alltag?

Alles zusammen: im wirklichen Leben. Manchmal ist es die Natur, manchmal die Kunst, die Urlaubsreisen; es kann ein Buch sein, gerade jetzt mein Aufenthalt in Paris. Das Einzige, was ein Kreativer machen muss, ist lernen zu sehen. 

Ihre letzte Kollektion für Herbst/Winter 2018 trägt das Motto: No room for doubts/Kein Raum für Zweifel. Heißt das, Frauen sollen mehr „Farbe“ bekennen?

Damit meine ich, dass man sich zu mehr Leben bekennen und Mut zur Eindeutigkeit haben sollte. Man soll etwas nicht seinlassen, nur weil es jemandem ein bisschen nicht gefällt, sondern man muss für das eintreten, wofür man steht. Es gibt eine Fülle von Möglichkeiten, wenn man sie sucht.  

Ich denke im Moment auch an das politische Umfeld. Ich habe das Gefühl, dass die Mitte der Gesellschaft, die sehr friedliebend ist, sich engagiert und die dem Nachbarn oder Fremden hilft, trotz allem unsichtbar dabei ist. Und dieser Teil der Gesellschaft muss sichtbarer, lauter werden, um die ganz Lauten, die es schon immer gegeben hat, zu übertönen. Ich finde, die Mitte der Gesellschaft ist wichtiger denn je. Wenn wir es nicht jetzt erkennen und darauf reagieren und die falsche Richtung mancher Nachbarländer aufhalten, kann es zu spät sein. Und gerade wir Frauen müssen wir da viel lauter werden, denn das Spiel gehört vor allem den Männern. 

Sie produzieren nicht im Ausland, sondern in Ihrem Atelier in Mainz. Sind Sie damit eine Ausnahme?

Ich glaube ja. Ich habe mich früh entschieden, ich kann und will nicht billig sein. Ich will auch da klare Maßstäbe, deshalb sind meine Sachen made in Germany. Dadurch habe ich keine sonstigen Kosten, die andere haben, die im Ausland produzieren (z.B. viel Ausfall), und mache dafür ein ganz ehrliches und authentisches Produkt. Deshalb gibt es bei mir keine Ausverkäufe. Entweder mag man Anja Gockel oder nicht. Ich bemühe mich um ein vernünftiges Preis-Leistungsverhältnis. Im Durchschnitt kosten meine Kleider um 300 €, dafür sind sie hier hergestellt und die Stoffe haben eine Superqualität. Denn „Geiz ist geil“ macht alles kaputt, was wir haben. Wir sollten uns lieber überlegen, was uns etwas wert ist, und danach einkaufen.

Sie haben an der berühmten Londoner Schule Central St. Martins studiert, haben danach in London bei Vivienne Westwood angefangen und 1996 Ihr eigenes Label Anja Gockel London gegründet.  Vor sieben Jahren sind Sie in Ihre Geburtsstadt Mainz zurückgekehrt. Mussten Sie sich hier „anpassen“?

Nee, ich brauchte 17 Jahre in der Welt, und die Rückkehr in meine Heimatstadt Mainz habe ich sehr genossen. Einerseits diese Beschütztheit von Zuhause wiederzuhaben und gleichzeitig meine Ideen aus der Welt hier ausleben zu können. 

Vor einem Jahr eröffneten Sie in Köln Ihren zweiten Laden, der zu einem der 50 schönsten weltweit gekürt wurde. Warum ausgerechnet in Köln? Köln ist nicht unbedingt als Modemekka bekannt.

Stimmt, aber auch da folge ich meinem Weg. Als Kind liebte ich ein Buch, in dem beschrieben wird, wie du deinen Weg gehst – wenn eine Tür da ist, musst du durchgehen und glauben, dass es die richtige Tür ist. So war es mit Köln. Ich habe es am Telefon entschieden, als mir eine Kundin, die ich seit zehn Jahren mit meiner Kollektion belieferte, sagte, dass sie aus Altersgründen aufhört. Da habe ich ganz spontan gesagt: „Dann hätte ich gerne Ihren Laden.“ Es gibt noch weitere Gründe: Es ist nicht zu weit, um an einem Tag hin und zurück zu meiner Familie zu fahren,  und Köln ist Rheinland, da ist der Humor zu Hause. Mein Mann ist Rheinländer und hat in Köln studiert; ich liebe Köln, weil die Leute das Herz am richtigen Fleck haben und sehr fröhlich und klar sind. 

Einmal wöchentlich bieten Sie dort  Ihren Kunden und Besuchern eine kleine kulturelle Veranstaltung an.Anja Gockel Store

Wir brauchen ein neues Konzept für den Einzelhandel. Um das aufzubauen, habe ich seit kurzer Zeit angefangen, jeden Donnerstagabend zwischen 18 und 20 Uhr in meinem Laden das Kulturevent „after work glamour bei Anja Gockel“ zu veranstalten, mit tollen Künstlern und ohne Eintritt. Wenn man also nach Köln kommen will, kann man den Donnerstag nehmen und auf ein Glas Mionetto Prosecco bei uns vorbeischauen.

Sie entwerfen pro Jahr zwei Kollektionen, bereiten die Modenschauen vor, sind viel auf Messen unterwegs, sind Unternehmerin und vierfache Mutter noch dazu. Da muss man einfach fragen: Wie schaffen Sie das eigentlich?

Indem ich eins nach dem anderen mache. Ich fokussiere mich immer nur auf eine Geschichte und mache mir nicht zu viele Gedanken über die anderen Dinge. Das hat auch mit der richtigen Tür zu tun. Wenn ich durch die Tür gehe, dann gehe ich und überlege nicht, ob die andere nicht doch besser gewesen wäre. So mache ich es auch mit meiner Zeit: dass ich immer da am liebsten bin, wo ich gerade bin. Es war nicht immer so; es hat lange gedauert, bis ich zu dieser Einsicht kam. Früher habe ich gedacht, ich muss dieses und jenes machen, ich muss... Man verliert sehr viel, wenn man so denkt. Man ist nirgendwo richtig. Und richtig sein ist sehr befriedigend.

Meine letzte Frage: Welche Frau würden Sie gern anziehen, die noch nicht zu Ihren Kundinnen gehört?

Julia Roberts. Ich mag sie als Typ unheimlich gern, mit ihrem breiten Lachen, das für eine feminine Sexualität steht, die ich schön finde. In einem Interview sagte sie, sie wird sich kein Botox spritzen lassen, weil sie will, dass ihre Kinder es sehen, wenn sie wütend ist. Das gefällt mir.

 

Das Gespräch für das iMAG-Magazin führte Drahomira Hampl.

Fotoquelle: Anja Gockel GmbH

 

Anja Gockel Style Store

Pfeilstr. 31-35

50672 Köln

Tel: 0221-2573188

Öffnungszeiten: 

Montag – Freitag: 10:30 – 19 Uhr, Samstag: 10:30 – 18 Uhr

www.anja-gockel.com