Wo Katzen und Nähmaschinen um die Wette schnurren

Modedesignerin Andra Matei im Nähcafé Sperling

Nähcafés findet man in fast jeder Stadt. Es sind weniger Cafés, in denen gelegentlich genäht wird, sondern vielmehr offene, komplett eingerichtete Nähateliers, in denen man alles vorfindet, was man zum Nähen braucht,

und nebenbei noch Kaffee angeboten bekommt.

 

So auch in der 1896 erbauten Villa des Fabrikanten Joseph Meys in Hennef. In die wunderschönen mit Stuck verzierten Räume des Erdgeschosses verlegte Modedesignerin Andra Matei vor zwei Jahren ihr Nähcafé Sperling. Hier kann man alles nähen, worauf man Lust hat und was man allein nicht schaffen würde. Es kommen Anfänger, die noch nie eine Nähmaschine bedient haben, wie auch erfahrene Näherinnen, die bei komplizierten Teilen Hilfe brauchen, ihre kreativen Visionen auf ein Schnittmuster übertragen wollen oder einfach neue Inspiration suchen. Dazu gibt es hier genügend Anreize: Fachbücher, Zeitschriften, eine kleine Stoffauswahl, Knöpfe und vielerlei antike Nähutensilien.
Auch immer mehr Kinder finden den Weg ins Nähcafé. Ihnen bietet Andra Matei, die nach 14 Jahren ihre Dozententätigkeit im Bereich Mode an der RSKA Hennef aufgegeben hat, beim schöpferischen Prozess ihre volle Unterstützung. Inzwischen hat sie viele Stammkunden. „Man kommt sich sehr nah bei der Arbeit hier – das Nähen hat eine große therapeutische Wirkung. Es kommen nicht selten seelisch angegriffene Menschen, die hier Ruhe suchen. Nähen ist sehr meditativ, die Zeit vergeht hier wie im Flug.“ Die angenehme Atmosphäre unterstreichen die beiden Katzen, die sich gern die besten Plätzchen inmitten der Stoffe suchen…


MODEDIKTAT? MUSS NICHT SEIN!
„Ich unterstütze das Individuelle, denn viele lassen sich zu sehr vom Modediktat beeinflussen. Hier entwickeln sie eine gewisse Beobachtungsgabe, lernen Details zu beachten, wie etwas verarbeitet ist, wie die Qualität ist. Das verändert den Blick.“


KINDER BRAUCHEN KLARE ANWEISUNGEN
„Die Kinder machen zuerst ihren Nähmaschinenführerschein, dann lasse ich sie los. Sie kommen regelmäßig einmal die Woche – manche wollen gern öfter, aber ich rate erfahrungsgemäß davon ab, denn so können Sie sich auf die nächste Stunde freuen und der Spaß bleibt erhalten. Andererseits ist auch der Drang groß, einmal zu kommen und in den zwei Stunden etwas fertigzustellen, aber das geht nicht. Die langwierigen Projekte lehren sie, in Ruhe zu arbeiten. So etwas prägt fürs Leben.“
Im Nähcafé Sperling lernen die Kinder schon mit sechs Jahren Bügeln und Knöpfe annähen und fangen an zu verstehen, was sie in der Schule lernen. Was ist ein 90°-Winkel? Was ist Parallelität? Was ist Schnittnahtzugabe? Das Dreidimensionale wird begreifbar. Geometrie und Rechnen kommen zur Anwendung – und zwar ohne Taschenrechner. Die Kleinen nähen meist einfachere Sachen wie Kissen, Taschen, Schals und Accessoires, die Älteren auch Röcke, T-Shirts und Kleider. Sehr beliebt sind Kindergeburtstage im Nähcafé Sperling, die durch Mundpropaganda allmählich zum Selbstläufer werden. „Vorher bespreche ich mit dem Geburtstagskind, was gemacht werden soll und dann stellen alle das gleiche Stück her. Mit manchen mache ich z.B. Graffiti, das kommt sehr gut an. Und natürlich werden leckere Knabbereien und Getränke auf den Tisch gestellt.“


DIE NÄHCAFÉBESUCHER
„Bei den Kindern sind es hauptsächlich Mädchen von sechs bis fünfzehn Jahren, Jungen sind eher selten. Das Interessante ist, dass die Altersgruppe zwischen 15 und 30 gar nicht kommt. Das hat womöglich mit dem Leistungsdruck in der schulischen Ausbildung, mit anderen Prioritäten und auch mangelnder Individualität in diesem Lebensabschnitt zu tun. Die Erwachsenen hingegen kommen – die Älteste ist 91 Jahre alt. Sie braucht ab und zu Hilfe, näht aber alles selbst.“


DIE SCHÖNSTE ERINNERUNG
Einmal hat ein älterer Herr im Nähcafé einen Gutschein für seine Enkelin gekauft und sich später bei Andra Matei mit den Worten bedankt: „Sie wissen gar nicht, was für eine Freude wir Großeltern empfinden, wenn unsere Enkelin nach Hause kommt und uns zeigt, was sie bei Ihnen gemacht hat.“ Sie bekam eine Gänsehaut, wie sie gesteht. „Da habe ich begriffen, dass ich auch anderen etwas Gutes tue. Dieses Handwerkliche bei Kindern zu sehen ist etwas Schönes, etwas Bleibendes. Und es bringt sie ein wenig weg vom Konsum. Plötzlich wollen sie keine Geschenke mehr kaufen, sondern sie lieber selbst machen.“


Andra Matei 
folgte zum Glück nicht dem Wunsch Ihrer Eltern, „etwas Vernünftiges“ zu studieren, und entschied sich für Modedesign an der Akademie in Düsseldorf. Danach bekam sie sofort eine Festanstellung als Modedesignerin und machte sich nach zwei Jahren selbstständig. Was so aufregend klingt, ist ein harter Job ohne Freizeit, ohne Familienleben—immer unterwegs; nach London, New York, Paris zu den Modemessen und dazu stets eine Kollektionen herausbringen. Als Dozentin an der RSKA in Hennef entdeckte sie dann ihre Freude am Umgang mit Menschen und deren Begleitung durch den Schaffensprozess, und eröffnete das Nähcafé Sperling. 

www.naehcafe-sperling.de