Musik Klein

Musik KleinMusikinstrumente sind sein Leben. Erhard Klein ist bereits als Kind in der Werkstatt seines Vaters damit aufgewachsen. Auch heute im Alter geht er täglich in die an sein Wohnhaus angrenzende eigene Werkstatt und setzt sich an seinen Arbeitsplatz mit dem herrlichen Ausblick über die Windecker Täler. An den Wänden und von der Decke hängen alte Musikinstrumente – Geigen, Gitarren, Mandolinen etc. – und es duftet nach Holz.

Mit Leidenschaft beschäftigt er sich mit der Restaurierung alter schöner Instrumente. Oft müssen sie gänzlich zerlegt werden, und so kann es Monate dauern, bis sie wiederhergestellt sind.

Ursprünglich wollte Erhard Klein Konditor werden, weil er als Kind so gern Süßes aß. Aber wer im Vogtland geboren wird, im so genannten „Musikwinkel“, wo seit mehr als 300 Jahren Instrumente gebaut werden, dazu noch in eine Familie mit 150-jähriger Instrumentenbauertradition, dem liegt die Musik bereits im Blut. 

 

Herr Klein, Sie sind in Markneukirchen im Vogtland geboren. Wie verbreitet war dort damals der Instrumentenbau?Familie Klein

In fast jedem Haus war ein Instrumentenbauer oder ein Handwerker, der Zubehör herstellte. Es war ja früher nicht so, dass nur einer das komplette Instrument von Grund auf baute. Die Zuarbeiter waren auf die Herstellung von Stegen oder Violin-Bögen spezialisiert und es gab z.B. Saitenmacher. Der Geigenbau war in Markneukirchen und in den benachbarten Ortschaften sehr stark vertreten. Daneben gab es die Blasinstrumentenbauer und viele andere. 

Und wie sah es in Ihrer Familie aus?

Schon mein Großvater war Kontra-bassmacher, mein Vater war Geigen- und Zupfinstrumentenbauer. Die vielen kleinen und größeren Konkurrenten im Vogtland bewirkten, dass mein Vater 1927 mit seiner Familie ins Schwäbische umzog und zwar nach Schwäbisch Gmünd und einige Jahre später nach Koblenz am Rhein, wo er sich mit einer Werkstatt und einem Musikfachgeschäft niederließ. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Gitarren wieder gefragt waren, hat sich mein Vater darauf spezialisiert. 

Etwas später hat er zusammen mit Prof. Walter Gerwig, der als bekannter Dozent, Lautenist und Konzertgitarrist in Köln wirkte, ein Gitarrenmodell entwickelt, das besonders gute Klangeigenschaften aufwies und dennoch für die Studenten erschwinglich war. Verarbeitet wurde hervorragendes massives Tonholz, insbesondere Ahorn und Fichte, wobei auf jegliche Verzierungen verzichtet wurde. Das war die Geburtsstunde der berühmten „Meister Klein“-Gitarre aus Koblenz und der Durchbruch für meinen Vater. In der folgenden Zeit sind viele schöne Instrumente in seiner Werkstatt entstanden, in der er bis zu 40 Leute beschäftigen konnte. Seine Gitarren wurden auch überregional so beliebt, dass er ins Ausland liefern konnte. Zu seinen Kunden gehörten Prominente wie die italienische Sängerin Caterina Valente oder später Otto Waalkes. 

Hatten Sie als Kind Interesse an der Arbeit Ihres Vaters?Herr Klein

Als Zehnjähriger habe ich in der Werkstatt meines Vaters mitgeholfen, soweit es mir möglich war, und mir damit mein erstes Geld für Schleckereien und Kinobesuche verdient. In der väterlichen Werkstatt verbrachte ich meine ersten Lehrjahre. Später ging ich zurück nach Markneukirchen zu meinen Großeltern und erlernte bei dem bekannten Blechblasinstrumentenbauer Meister Kurt Knoth und seinem damaligen Gesellen, dem späteren berühmten Meister Johannes Scherzer, auch diesen Beruf und besuchte gleichzeitig die Instrumentenbauerschule in Markneukirchen.

Während des Krieges war ich fast drei Jahre Soldat und habe bis 1950 bei meinem Vater gearbeitet. Es folgte ein achtjähriger Aufenthalt in Chile, wo ich als Instrumentenbauer und Ausbilder in einem katholischen Internat für Waisenkinder tätig war. Zurück in Deutschland habe ich mich, nach vorübergehender Tätigkeit bei meinem Vater, 1960 selbständig gemacht und in Düsseldorf ein Musikfachgeschäft mit Reparaturwerkstatt eröffnet.  

Dort haben Sie Ihre aus Chile stammende Frau Karin kennengelernt,  deren deutsche Vorfahren 1857 nach Chile auswanderten und die seinerzeit zu Besuch bei Verwandten war. 

Ja, die Liebe zur Musik hat uns zusammengeführt. Wir haben geheiratet und das Musikhaus 32 Jahre weitergeführt. In dieser Zeit haben wir viele Gitarren und Instrumente aus der Werkstatt meines Vaters mitverkauft und den Reparatur-Service für die Kunden geleistet. 

Vor 24 Jahren haben Sie dann den Schritt gewagt, aus der Großstadt in eine ländliche Umgebung zu ziehen. Haben Sie diese Entscheidung jemals bereut?

Es war die richtige Entscheidung und wir hatten von Anfang an Erfolg bei den Einheimischen: Wir haben gut verkauft, repariert und Anteil an der Musikszene gehabt. Mit dem Interneteinzug ließ der Verkauf nach. Andererseits fanden uns alte Kunden durch das Internet, die ihre Instrumente teilweise noch bei meinem Vater gekauft hatten und meine handwerklichen Fähigkeiten für Reparaturen suchten. 

Spielen Sie selbst ein Instrument?

Es gibt kein Instrument, das ich nicht angefangen habe zu spielen. Dabei ging es für mich nicht ums Musizieren, mich hat vor allem die Technik interessiert: Wie klingt das Instrument und wie gut spricht es an. 

Wie erkennen Sie die Qualität einer Gitarre?

Wenn Sie mir eine Gitarre geben, fasse ich sie am Hals und weiß sofort, was los ist. Ohne zu spielen „höre“ ich es sofort. Das ist schwer zu begreifen, aber es ist so. 

Haben Instrumente eine Seele?

Das kann man eigentlich so sagen, denn wenn man sie schlecht behandelt, können sie nicht klingen. Die Lagerung ist sehr wichtig. Große Hitze und Trockenheit sind schlimmer als Kälte. Das Holz kann reißen oder sich verbiegen und ist oft nicht mehr zu retten. 

Ändert sich im Laufe der Zeit der Klang eines Instruments?

Je älter das Instrument, das Material, desto besser kann es werden, wenn es in den Händen eines einfühlsamen Musikers ist. Durch natürliche Alterung kann die Struktur eines Holzes immer besser werden, gute Behandlung vorausgesetzt. Das hatte wahrscheinlich schon Stradivari erkannt. Seine Instrumente sind auch heute noch hochgeschätzt. Er war ein Genie.

Was würden Sie sich für Ihren Beruf zukünftig wünschen?

Dass wir Europäer Musikinstrumente mit einer persönlichen Note bauen. Ein deutsches Instrument soll so klingen, wie es schon immer geklungen hat, die Spanier sollen ihre Eigenart betonen usw. Nur so können wir uns von den Chinesen unterscheiden, die heute kostengünstig sehr gute Instrumente bauen. In alter Zeit hat man das Holz zum Instrumentenbau selbst im Wald ausgesucht, aufbereitet und für ein paar Jahrzehnte gelagert. Das hatte einen entscheidenden Einfluss auf die Qualität des Instruments und schließlich auch des Klangs. Meine Vorfahren haben immer für alte Holzvorräte gesorgt. Man hat heute keine Zeit dafür – das ist bedauerlich.