Ein Loblied auf die Marken das herzliche Italien! 


Italien kann sehr spektakulär sein: das einmalige Venedig, die pittoresken Cinque Terre, das ewige Rom, das quirlige Neapel, das wilde Sizilien…
Wer aber kein Spektakel, keine Aufregung sucht, sondern „serenitá“, was so viel wie In-sich-Ruhen und Zufriedensein bedeutet und keineswegs mit Langeweile gleichzusetzen ist, der sollte sich für die nächste Italien-Reise die Region Marken vornehmen.

 UNSPEKTAKULÄR SPEKTAKULÄR 

„Marken? Wo ist das denn?“, wird man sofort gefragt. Die Antwort ist einfach: an der Wade des italienischen Stiefels. Östlich der Toskana, auf der Adria-Seite. Die Marken (ital. Marche) werden auch als „die kleine Schwester der Toskana“ bezeichnet. Spötter sagen, es sei “die Toskana für Arme“. Tja, wenn man nur aufs Geld schaut, vielleicht. Ich schaue aber lieber in die Augen der Menschen, klopfe an Türen, lausche den Unterhaltungen im Café. Und da entdecke ich viel Herz, wenig Misstrauen und viel Offenheit gegenüber Fremden. Ich kenne viele Leute, Ausländer, die die Marchegiani ins Herz geschlossen haben. Es genügt, wenn man dieses Fleckchen Erde genauso liebt und schätzt wie sie – dann geht alles ganz einfach. 

BERGE, MEER UND MEHR 

Die Landschaft der Marken hat viel Ähnlichkeit mit dem Sehnsuchtsziel aller Italien-Romantiker. Die Landschaft zwischen Apennin und Adria und von Nord nach Süd zwischen Rimini und San Benedetto del Tronto kann man mit etlichen Begriffen beschreiben: sanfte Hügel, weitläufige Flusstäler, schroffe Felsformationen, Wälder; viel, sehr viel Landwirtschaft; fantastische, gepflegte historische Städte. Eben eine gesunde Mischung, um ein Land zwischen täglichem Leben, Kultur- und Kunst-Höhepunkten sowie eine Landschaft, die ganz einfach wohltuend ist, zu erleben.  

„LIEBER EIN TOTER IM HAUS…“ 

Man wundert sich manchmal, mit welcher Verbissenheit die Bauern die steilen Hügelhänge beackern, aber sie tun es, weil es sich lohnt. Die Böden sind fruchtbar und man arbeitet hier gern. Von wegen „faule Italiener“! Die Marchegiani haben sich den Titel „Schwaben von Italien“ erarbeitet. Sie waren in alten Zeiten oftmals als Steuereintreiber des Vatikans unterwegs. Daher gibt es bis heute noch die Redewendung “Lieber ein Toter im Haus als ein Marchegianer vor der Tür“. Wenn das kein Prädikat für Unnachgiebigkeit und Redlichkeit ist! 

Ja, die Menschen, die ich selbst hier kennen gelernt habe, sind rechtschaffen, fleißig und sehr, sehr freundlich. Sie sind ausnehmend Lokalpatrioten, lieben ihre Region, ihre regionalen Produkte, ihre Küche. Man findet hier aber auch alles, was man braucht: feinstes Olivenöl aus Cartoceto, Käse aus Urbania (der in der Erde reift!), Salami aus Fabriano, kostbare Trüffeln aus Aqualagna. 

DA WAR DIE EROBERUNG ZU ENDE 

Vom Wein ganz zu schweigen. Das kleine Anbaugebiet, wo der schwere, vollmundige rote Lacrima di Moro d´Alba hergestellt wird, kennt im Ausland kaum jemand. Nicht ohne Grund: Der Wein ist so lecker, dass man ihn lieber selbst trinkt, statt ihn zu exportieren. Der leichte, weiße Bianchello del Metauro, sagt die Legende, hat den Soldaten der Armee Napoleons so gemundet, dass sie ihn wie Wasser tranken und nicht imstande waren weiterzuziehen.  

NICHT VOM BROT ALLEIN 

Und wenn der Bauch voll ist, denkt der Mensch gern ans Vergnügen. Für den Geist haben die Marken auch sehr viel zu bieten: das Rossini-Opernfestival in Pesaro und das Jazzfestival in Fano beispielsweise und über 26 „bespielte“ barocke Theater, die man in den kleinsten historischen Ortschaften findet. Manche von ihnen müsste man als „Theaterchen“ bezeichnen, so schnuckelig und klein sind sie. Dazu wahre Perlen der Architektur  und Kunstgeschichte wie Urbino, Jesi,  Fano, Rimini und Fabriano, wo die Kunst der Papierherstellung noch heute kultiviert  wird. Das Wasserzeichen wurde dort  auch erfunden.

Trotz ihrer landschaftlichen und baulichen Reize und ihres kulturellen Reichtums sind die Marken zum Glück noch nicht vom Tourismus überrollt worden. Fahren Sie also hin, solange es unter unseren Politikern noch keine Marken-Fraktion gibt, denn die Toskana ist eindeutig out!