Kilimandscharo - Gipfel der Freiheit

KILIMANDSCHARO - GIPFEL DER FREIHEIT

Ich hatte einen Traum. Romantische Bilder eines sagenhaften, gletschergekrönten Bergriesen inmitten der afrikanischen Savannen. Zu seinen Füßen Hitze, Dschungel, wilde Tiere. 5895 m hoch und sechs Millionen Jahre alt, eine Million älter als der Mensch, bevor er sich im ostafrikanischen Rift Valley, der Wiege der Menschheit, vom Schimpansen trennte. Der höchste frei stehende Berg der Welt („kilima“ = Berg, „nanjaro“ = Eis/Kälte). Einmal hinauf auf den „Gipfel der Freiheit“, wie er in Tansania seit der Unabhängigkeitserklärung heißt.ch.w.nordheim

Aber die Motive unendlicher Weite und Schönheit, genährt von Filmromantik à la Hatari!, Daktari oder Jenseits von Afrika, vermischen sich mit Schlagzeilen über Dürre, Klimawandel, Überbevölkerung, Aids und, ganz aktuell, Ebola. Alles in allem doch ein Aufbruch ins Ungewisse, auch weil der Sauerstoffgehalt der Luft in der Gipfelzone nur 50% beträgt. Trotzdem eine Selbstverständlichkeit für mich: Gipfelbesteigung „by fair means“, also keine Arznei aus der Trickkiste der Höhenmedizin oder leistungssteigernde Mittel. Das bedeutet: vorher monatelanges Vorbereitungstraining, Konditionssteigerung, Höhenakkli-matisierung, Impfungen, Ausrüstungs-optimierung. 

1. Tag: Nach zehn Stunden Direktflug Frankfurt–Kilimandscharo Air-port erreichen wir im Morgengrauen Tansania und fahren nach Moshi, einer quirligen Stadt am Fuß des Bergmassivs. Es geht durch eine ackerbaulich genutzte, fruchtbare, dicht besiedelte Landschaft, während sich das Ziel unserer Sehnsucht noch in dichte Wolken hüllt und uns ein intensiver Geruch von Feuer und Rauch begleitet. Die Menschen hier heizen und kochen überwiegend mit offenem Holzfeuer. Der Himmel ist grau-rötlich getrübt. 

Im Hotel erfolgen Toureinweisung und Ausrüstungscheck. Dabei geht es „pole-pole“ (Suaheli: langsam, langsam) voran und das Ganze zieht sich bis zum Abend. Aber wie schön: noch einmal in einem Bett schlafen und duschen können! Und, oh Wunder, die Ausrüstung ist mitgeflogen und nicht wie bei anderen Airlines unterwegs „liegen geblieben“. So kann es also tatsächlich morgen losgehen! 

2. Tag: Spürbare Anspannung auf der Fahrt von Moshi (800m) zum Marangu Gate (1840 m). Jenseits der landwirtschaftlich genutzten Ebene geht es durch einen üppigen grünen Plantagengürtel mit Bananenfeldern, Mangobäumen etc. Der Aufstieg zu den Mandara-Hütten (2720 m) verläuft auch nach dem Motto pole-pole. Unsere Führer wissen am besten, wie man die 34 km nach oben in nur 6 Tagen schaffen kann. Doch vor der Anstrengung ist erst einmal Geduld gefragt, bis die Formalien geregelt sind: Registrierung bei der Nationalparkverwaltung, Crewaufstellung und Gepäckverteilung. Keine zwei Stunden später ziehen wir endlich los. Der Pfad führt durch subtropischen Berg- und Regenwald. Es herrscht Stille, nur unsere Stimmen sind einige Meter weit zu hören – die Tierwelt hat sich von dem viel begangenen Weg zurückgezogen. Menschen sind einfach zu laut, außerdem ist im August äquatorialer Winter und Trockenzeit. Die moderaten 20°C sind für uns Mitteleuropäer sehr angenehm. Am späten Nachmittag dann Ankunft bei den Mandara-Hütten. Bevor die Sonne ohne große Dämmerung untergeht, beziehen wir rasch die Lager und versuchen uns die Pfade und Stolpersteine zu den WC-Hütten für die tiefdunkle Nacht einzuprägen. Dann wird es in dieser Höhe sehr frisch: Das Thermometer sinkt auf 5°C. Mit Stirnlampen versehen nehmen wir gegen 19 Uhr im „Speisesaal“ ein leckeres Abendbrot ein: Suppe, frisches Gemüse, Reis und geschältes frisches Obst. Wir haben Hunger, doch in Gedanken beten wir, „Montezuma“ möge uns verschonen. Aufstieg

3. Tag: Schlecht geschlafen, aber alles gut vertragen! Anderen ging es schlechter, weshalb es nachts recht lebhaft im Lager zuging. Der heutige Aufstieg führt von den Mandara- zu den Horombo-Hütten auf 3720 m. Wir durchqueren verschiedene Vegetationszonen, zunächst den subtropischen, von Flechten behangenen Regenwald. Es regnet nicht – wir sind dankbar! Es ist aber auch ein Anzeichen des Klimawandels. Am Bergmassiv ist die Regenmenge in den letzten 50 Jahren um gut 30% gesunken. Über den nun folgenden Erikawäldern und besonders über der als Baumgrenze bezeichneten Moor-Heide-Landschaft liegen dichte Nebelschwaden. Wir sehen und hören daher nicht viel. Die Chagga (das dort heimische Bergvolk) nennen diese Zone den Garten Gottes. Hier entsteht das Leben des Berges. Regen- und Taubildung decken 90% des Wasserhaushalts, die Gletscher liefern nur 10%. Hier soll auch die größte Vielfalt häufig endemischer, in perfekter Symbiose lebender Pflanzen und Tiere existieren. Was für ein Juwel! Aber die Touristenmassen führen hier eindeutig dazu, dass die Tiere auf Abstand bleiben. Wer will es Ihnen verübeln bei der Lautstärke der durchziehenden, teils MP3-Player-bewehrten Gipfelkolonnen? Es glückt uns, eine stillere Lücke zwischen den Gruppen zu erwischen. Die mächtigen Raben, immer auf der Suche nach Essbarem, begleiten uns bis zu den vom Nebel umwobenen Horombo-Hütten. Die Temperaturen fallen jetzt deutlich unter 0 Grad, doch auch in dieser Nacht herrscht reges Treiben im „Dorf“, ich schlafe schlecht. Der Zustand der WC-Anlagen am nächsten Morgen ist ein Schock. 

4. Tag: Horombo-Hütten – ZebraRocks (4000 m), der so genannte Akklimatisierungs- und Ruhetag. Aber gleich morgens fordert der Tag erste Opfer. Nach dem Aufstieg von 800 auf 3720 m in den letzten zwei Tagen haben einige Teilnehmer ernste Anzeichen von akuter Höhenkrankheit. Bei Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Schlaflosigkeit und allgemeiner Schwäche empfiehlt sich der vorzeitige Tourabbruch. Was nicht geht, soll man nicht erzwingen! Das ist die ehrliche Variante. Doch wer unbedingt mit weiter will, der hilft nach: Diamox, Amphetamin & Co. – alles, was so geht. Schließlich hat man ja bezahlt und will den Gipfel auch haben. Viele tragen nicht einmal ihr Gepäck, sondern lassen tragen. Auch schadet die dünner werdende Luft (oder ist es die allmähliche Gipfelsicht?) dem zivilisierten Miteinander. Der Umgang mit den sanitären Anlagen ist, gelinde gesagt, unbeschreiblich unzivilisiert. „Nach mir die Sintflut“ lautet das Motto. Höhenluft und körperlicher Stress beeinflussen das „normale“ Verhalten. Und als müsse man jedes noch vorhandene Körnchen Kraft sparen, werden beim Gang durch die Essräume nicht mal mehr die Türen geschlossen. Soll der eiskalte Windzug etwa die „Gipfelkonkurrenz“ beim Abendbrot darnieder strecken?

Ab 4000 m wird die Luft merklich dünner und der langsame Schlendergang der Guides wird gern übernommen. Oberhalb der (in der Tat schwarz-weiß gestreiften) Zebra Rocks liegt der Mawenzi-Sattel. Hier eröffnet sich uns unversehens eine grandiose Aussicht auf die gezackten Spitzen des Mawenzi und des Kibo, wie der Gipfelkrater des Kilimandscharo auch genannt wird. Ein eisiges Lüftchen kündet davon, dass oben in der Höhe das ewige Eis regiert. 

5. Tag: Von den Horombo-  zu den Kibo-Hütten. 7.00 Uhr: Die Nacht war mal wieder zu lang zum Liegen und zu kurz zum Schlafen. Aber ich bin nicht der einzige Schlaftrunkene. Die Gesichter werden knittriger. Zum Frühstück der obligate warme süßliche Porridge, ein Pfannkuchen und Kilimandscharo-Tee mit viel Zucker. Dabei wird mir zwar nicht warm ums Herz, aber es wird schon gehen, wir sind ja nicht zum Vergnügen hier! Zeitig zieht die Kolonne weiter. Die Sonne brennt senkrecht vom tiefblauen Himmel herunter, doch der eisige Wind verhindert leichtsinnige Kleidung und damit die Sonnenbrandgefahr. Heute haben wir wohl die maximale UV-Belastung. Der UV-Index liegt hier bei 13-14 – in Köln im Juli bei maximal 7. 

Es geht zunächst durch eine hügelige, heideartige Strauchlandschaft mit Hochmooren, wo Wasserläufe zu vermuten sind. Dort stehen die Riesenlobelien, die nirgendwo sonst auf der Welt wachsen. Immer wieder erhebt sich  – zum Greifen nah und doch noch fern – die eisige Kibo-Spitze, bevor wir wieder in der nächsten Senke verschwinden. Die Schritte werden mühsamer. Wir passieren auf 4000 m den letzten Wasserquell. Ab hier ist jeder Tropfen Wasser kostbar. Kanisterweise wird es den Berg hinauftransportiert. Luxus wie Waschen, Wasserhahn und WC-Spülung gibt es jetzt nicht mehr. 

Auf 4300 m wechselt der Weg in eine rotbraune alpine Hochwüste. Allmählich wirkt der 5149 m hohe Mawenzi eher filigran gegenüber dem noch einmal knapp 850 m höheren und wesentlich breiteren Kibo-Krater. Endlich eine Pause. Wir plündern still und hungrig unsere Lunchpakete. Man schwitzt kaum merklich beim Aufstieg, aber man muss auch immer wieder viel trinken, damit man fit bleibt. 5 l sind angeraten. So groß ist der Feuchtigkeitsverlust über die schneller werdende Atmung in dieser extrem trockenen Höhe. 

Die Landschaft wirkt endlos weit, zeitlos schön, doch auch eintönig, kalt und lebensfeindlich. Der Wind wird noch einmal spürbar kälter. Jeder Schritt wird zum Kraftakt. Geh´ ich links um den Stein oder rechts? Nachdenken wird lästig. In 5 km Entfernung lässt sich ein heller Fleck am Berg erkennen – unser Tagesziel, die Kibo-Hütten auf 4720 m. Es wird später Nachmittag, bis wir dort eintreffen. Das Thermometer fällt schneller als die Sonne am Horizont versinkt: -10 °C. Nach der Anmeldung im Rangerbüro  nichts wie hinein in die „gute Stube“. Doch drinnen wird es nicht wärmer, Durchzug bei dem Rein und Raus so vieler Menschen. Das Atmen fällt schon bei kleinen Bewegungen schwer und wird zu einer bewussten Angelegenheit. 

Inzwischen fordern der schnelle Aufstieg und die enorme Anstrengung ihren Tribut. In jedem Zimmer liegen Wanderer mit unterschiedlichen Symptomen akuter Höhenkrankheit. Das reinste Elend. Aber – man liest es immer wieder und wollte es nicht glauben – die Träger haben weder Medizin, noch ist ein Arzt dabei, es sei denn, unter den Touristen wäre einer. Und nun herrscht plötzlich großes Chaos, ist dringend ärztliche Hilfe erforderlich. Tansania hat übrigens keinen lastenfähigen Hubschrauber für diese Höhen, der müsste aus Kenia kommen. Notfälle bitte rechtzeitig anmelden... 

Das Gewirr auf dem Platz ist unbeschreiblich, es gibt weder einen Notfallplan, noch irgendein funktionierendes System, als ein junger Mann bewusstlos am Boden liegt. 50 Träger stehen in heller Panik drum herum, verstehen kein Englisch mehr. Es ist einer von ihnen. Ich scheine der Einzige zu sein, der Hilfe leisten kann. Touristen und Guides sind verschwunden. Es dauert, bis ich durch die Menschentraube gelange. Ich kann kaum eine Basisdiagnose durchführen, die Meute wird immer panischer, da taucht eine wackelige Einradtrage auf. Ein Franzose will seine Medikamente spenden, doch dazu kommt es nicht mehr. Der Kranke wird mir entrissen, falsch auf der Karre gelagert und ohne ausreichenden Kälteschutz festgebunden. Im Tumult können selbst bewaffnete Parkranger keine Ordnung schaffen. Wo ist der Chef dieser Truppe? Keine Antwort. 

Und schon laufen ein paar Träger einfach mit der Karre in die einsetzende Dunkelheit hinaus. Ich bin fassungslos. Es fällt mir schwer zu glauben, dass er überlebte. Verzweifelt und tief berührt, mehr taumelnd als gehend, begebe ich mich zurück in die Unterkünfte.  Was für ein Kontrast! Als wäre nichts passiert, herrscht hier tiefste Stille. Die Lampen sind aus. Alle ruhen oder schlafen. Ich versuche, im Schein meiner Stirnlampe mein Gipfelgepäck zu richten, jedoch widerwillig. Ich muss raus an die Luft. 

Kaum stehe ich vor der Tür, der nächste Fall. Also wieder rüber: Ein Träger hat schwere Atemnot, liegt bereits erschöpft am Boden. Doch er ist noch bei Bewusstsein. Sein Atem rasselt. Der Mann muss schnell runter von der Höhe! Doch als sich ein paar Träger dazu aufmachen, traue ich meinen Augen nicht. Da stehen vier bis fünf junge Männer, die Schuhe schlecht geschnürt, kaum warme Kleidung am Leib, keine Stirnlampen, keine Handschuhe, keine Trinkflaschen. Und die wollen ernsthaft in der Nacht 1000 Höhenmeter gen Tal rennen? So geht das nicht! Energisch bringe ich sie dazu, ihre Ausrüstung zu optimieren, bevor sie in der Dunkelheit verschwinden. Zurück in der Unterkunft ist mir die Lust auf den Gipfel gründlich vergangen. Auch kam ich nicht zum Essen, versuche mit einem halben Liter Wasser das Hungergefühl zu stillen. Vor dem Hinlegen nochmal vor die Türe schauen – diesmal ist Ruhe. Kann aber dennoch nicht schlafen, bin wie benommen, als nach kurzer Zeit, um 23 Uhr, der Aufbruch zum Gipfel beginnt. 

6. Tag: Von den Kibo-Hütten  zum Kibo-Gipfel (5895m). Als wir aus der Hüttentür kommen, bläst uns ein eisiger Wind entgegen. -20 °C laut Thermometer und pechschwarze Nacht. Nur der Schein der Stirnlampen gewährt begrenzte Sicht auf das Geröll auf dem Gipfelpfad. In zügigem Tempo geht es steil bergauf. Doch der Magen knurrt, das Mundstück des Trinksystems bleibt erst mal in der warmen Jacke. Nicht dass es noch einfriert! Handschuhe ausziehen und im Gehen einen Riegel essen? Jetzt nicht, zu kalt, zu mühsam. Die Atmung hat Vorrang. Der Puls schießt in die Höhe, der Atem rast. Gerade denke ich noch, gut, dass es dunkel ist und ich diese trostlose Geröllhalde nicht genauer in Augenschein nehmen muss, da befinde ich mich schon in einem tranceartigen Rausch. Am Hang zucken schlangenartig Lichterketten. Wir passieren kleinere Grüppchen. Im Kegel der Stirnlampen bewegen sich die Wanderstöcke gleichmäßig. Mir scheint, ein Jägerzaun zöge an mir vorbei, große Felsbrocken gleichen Baracken. Gut, gehe ich eben durch das Hüttenlager, denke ich, aber hoffentlich gehen wir nicht zu lange im Kreis. In diesem Zustand fallen die von oben herunterkommenden Abbrecher auch nicht weiter ins Gewicht. Manche müssen schon ordentlich gestützt werden – bitte nicht wieder dieses Chaos!  Immer wieder schießen mir Bilder des vergangenen Abends durch den Kopf. Hier oben gibt es nicht mal eine Einradkarre. Unweigerlich nagt die Sinnfrage an mir. Will ich wirklich auf einem Gipfel stehen und dem getunten Touristengeschwader gratulieren? Mein Magen knurrt lauter. Nach 300 Hm, die Uhr zeigt 5003 m an, endlich die erste kurze Verschnaufpause, doch sie tut nicht wirklich gut. Zwei Teammitglieder können nicht mehr und geben auf. Der Headguide beschließt die Aufteilung der Gruppe und teilt zwei Gipfelguides für den Abstieg ein. Spontan entscheide ich mich, auch nicht weiter aufzusteigen und diesen Berg heute nicht zu bezwingen. Das Risiko, das Tempo heute nicht bis zum Gipfel durchhalten zu können und der Höhe eventuell zu lang ausgesetzt zu sein, will ich nicht eingehen. Bis hierher ging‘s gut, das reicht mir. 

Mein Gipfel der Freiheit. Vielleicht gehe ich ja ein anderes Mal bis ganz nach oben. Dann aber über eine wenig begangene Route, ohne Touristenauftrieb, zum Genießen. 

Text und Fotos: Christian W. Nordheim