Nach Rom ist gar nicht so weit

WagnerAllein zu Fuß von der eigenen Haustür bis zum Petersdom

„Du bist und bleibst verrückt! – Du bist doch gerade erst wieder zu Hause und jetzt willst du schon wieder so lange weg? – Zu Fuß… und dann noch allein!“ So oder so ähnlich lauten die Kommentare meiner Familie, meiner Freunde und Bekannten, als sie mitbekommen, dass ich mich nach meinem Jakobsweg im vorigen Jahr wieder auf den Weg machen will.

Diesmal aber nicht zusammen mit meiner Tochter Annika und ihrer Hündin Sira, sondern allein, und nicht mit dem Pilgerziel Santiago de Compostela, sondern Rom.
Am sonnigen Morgen des 20. März 2014, pünktlich zum Frühlingsanfang, schließe ich die Haustür hinter mir, spanne mich vor meinen „Wheelie“, den zweirädrigen Pilgerwagen und Rucksackersatz, und 
ziehe los. Es beginnt ein weiteres besonderes Abenteuer meines Lebens.
Schon bald spüre ich so etwas wie Befreiung. Was für ein großartiges Gefühl! Ich setze einen Schritt vor den anderen. Eine eigenartige Mischung aus Demut und erster vorsichtiger Fröhlichkeit begleitet mich ganz still. Wie von selbst kehrt Ruhe in mir ein. Es geht mir gut, ich bin zufrieden mit der Welt und dankbar, laufen zu können, einfach nur laufen, in Richtung Süden. Für mich ist das der Freiheitswunsch, den ich hin und wieder leben muss.Wegweiser
Mein Kurs für die nächsten Wochen ist klar: Von den Ufern der Sieg geht es auf die Höhen des Westerwalds, wo ich bei der Dreifelder Seenplatte auf den Europäischen Fernwanderweg E1 treffe. Ihm folge ich an die Lahn und von dort durch den Taunus bis nach Frankfurt. Daran schließt sich der westliche Odenwald und der Kraichgau an, bevor ich bei Pforzheim den Schwarzwald erreiche. Von Pforzheim geht es auf dem Westweg über die Höhen des Schwarzwalds bis nach Basel, meinem „Einstieg“ in die Schweiz. Ab Basel wandere ich weiter in Richtung Landeshauptstadt Bern und treffe bei Burgdorf auf den Schweizer Jakobsweg, dem ich bis an den Genfer See folge. Ab Lausanne, dem Kreuzungspunkt des Schweizer Jakobsweges mit dem mittelalterlichen Pilger- und Handelsweg Via Francigena, begleitet mich nun dieser uralte Weg zunächst den Genfer See entlang und schwenkt dann in das Rhônetal ein. Ich passiere den Großen Sankt Bernhard-Pass und damit die Grenze der Schweiz zu Italien, durchwandere im Anschluss an das Aostatal die Regionen Piemont und Lombardei, überschreite den Po und 
ziehe durch die Emilia Romagna. Nach der Überquerung des Apennin erreiche ich das Mittelmeer an der Ligurischen Küste und strebe schließlich durch die Toskana und Latium meinem Ziel entgegen: Rom.
Schon am zweiten Tag habe ich mein erstes Erlebnis aus der Rubrik „Meine Begegnungen mit wilden Tieren“. Auf dem schmalen Waldpfad hinunter nach Ingelbach haben links und rechts des Weges Wildschweine ordentlich den Boden umgepflügt. Zum Teil sieht es so aus, als hätten sich die lieben Borstenviecher gerade erst von hier verdrückt. Ich drehe mich kurz um, mache ein Foto vom schönen Bachtal, packe die Kamera ein – und als ich mich wieder umwende, steht eine Prachtsau vor mir, mitten auf dem Weg, vollkommen bewegungslos. So, Petrus, lieber Pilgerheiliger, jetzt zeig mal, was du kannst! Ich stehe genauso bewegungslos da wie die Sau, ich kann auch gar nichts anderes tun. Auf dem Teller sehen diese Viecher irgendwie übersichtlicher aus. Frühling, zuckt es mir durch den Kopf. Vielleicht hat sie hier irgendwo ihre Jungen versteckt und wartet nur darauf, dass ich mich bewege. Mit ihren knopfgroßen Augen hypnotisiert sie mich förmlich und ihre Läufe (heißt das bei Wildschweinen so?) behält sie mit Wucht in den Boden gerammt. Etwa zwei Minuten lang (gefühlte zwei Stunden) steht sie so vor mir, bevor sie endlich Schritt für Schritt zurückstelzt, sich abwendet und im Wald verschwindet. Triumphierend schaue ich ihr nach. Ich habe soeben eine wilde Wildsau vertrieben! Bei meinen nächsten Schritten habe ich etwas weiche Knie.Kloster
Aus der gleichen Rubrik stammen noch andere Tierbegegnungen: u.a. die aus ihrer Weide ausgerissene Kuh, die auf der Landstraße im Berner Mittelland auf mich zu galoppiert und die ich mit rudernden Armen aufzuhalten versuche; der große Hund vor einem Landgut im Aostatal, der sich durch den neongelben Regenschutz meines Wheelies provoziert fühlt und herzhaft hineinbeißt; der Schwarm Gänse, der mir zischend und laut krakeelend entgegenrennt, um mich aus seinem kleinen Dorf in der Poebene zu vertreiben, oder der stattliche Esel in der Toskana, der sich hinterhältig quer auf den Weg stellt und im Traum nicht daran denkt, mich vorbeizulassen.
Nach letzten Schneefällen im Taunus erlebe ich unterwegs intensiv den Frühling: Sonnenschein, klare Luft, weite Aussichten im Odenwald und Schwarzwald, üppigste Baumblüten, Liebespaare auf lauschigen Bänken am Waldesrand. Nur immer wieder anzutreffende Forstarbeiten in den Wäldern, über den Wegen liegende Stämme und durch Forstmaschinen aufgewühlte Pfade machen meine Wanderung teilweise zu einer recht anstrengenden „Durchschlageübung“.
Trotzdem merke ich jeden Tag aufs Neue, dass Gehen gesund ist. Das einfache Leben hat auf mich eine heilsame Wirkung. Gehen, für Nahrung sorgen, eine Unterkunft finden, schlafen, die geschenkte Zeit auskosten, merken, mit wie wenig ich auskommen kann, um mir dann wieder etwas zu gönnen. Wer gehen und sich gehen lassen kann, dem geht es gut.
Eine Tagesetappe hinter Basel kommt es zu meiner ersten Klosterübernachtung. Meine schmerzenden Füße sind wie weggeblasen, als ich nach einem anstrengenden Tag unten im Tal Kloster Beinwil auftauchen sehe. So, genau so, hatte ich es mir vorgestellt: Klosterkirche, Klostergebäude, Wirtschaftsgebäude, Klostergarten, Klostermauer. Hier steht ein Bett für mich bereit.
Beinwil ist kein Kloster im herkömmlichen Sinn, sondern eine ökumenische Gemeinschaft, die sich den Regeln des heiligen Benedikt verpflichtet fühlt. Zurzeit gehören 12 Personen zur Gemeinschaft. Gäste und gerade auch Pilger sind immer herzlich willkommen. Sie leben nicht abgetrennt in einem Gästehaus, sondern mitten unter den Klosterbewohnern in der Klausur, essen, arbeiten (auf Wunsch) und beten zusammen mit ihnen. Nur die Schlafräume sind getrennt nach Geschlechtern im Bruder- und Schwesternhaus verteilt. Gäste und Gemeinschaftsangehörige nehmen gemeinsam in Stille die Mahlzeiten ein, treffen sich dreimal am Tag für eine Viertelstunde zum Gebet. Das Nachtgebet findet immer in der nur mit Kerzen erleuchteten Krypta statt. Nach dem Nachtgebet ist wieder Stille im Haus angesagt. Musik hören mit Kopfhörer, Blog schreiben, die ganze Nacht über in der Bibliothek lesen oder sich draußen im Garten die Sterne ansehen und meditieren, das geht. Einen Fernseher gibt es im Haus nicht; auch nicht den Gemeinschaftsraum, wo ab 21.30 Uhr noch ein leckeres Bierchen getrunken wird. Beides habe ich nicht vermisst, aber die Stunden in Beinwil genossen.Schweiz
Irgendwie ganz anders fällt meine Übernachtung im Zisterzienserkloster von Orsonnens aus, einem kleinen Ort in der Nähe von Fribourg. Es wird von vietnamesischen Mönchen geführt. Ich ziehe am Glockenseil neben dem mächtigen Eichenportal und Sekunden später erscheint im dritten Stockwerk auf einem kleinen Balkon ein kleiner älterer Vietnamese in T-Shirt und Jogginghose. “Guten Tag!“, ruft er in sehr gebrochenem Deutsch zu mir herunter. “Du Pilger? Du Telefon gestern? – Ich kommen!“
Kurz darauf wird die Tür geöffnet und ich werde mit einem breiten Lächeln begrüßt. Umgehend zeigt er mir den Raum, in dem ich essen werde. “Hier Abendessen halb sieben, Frühstück halb acht!“ Dann steigt er mit mir eine Wendeltreppe hinauf bis in den zweiten Stock. “Hier Toilette! Hier Dusche! Hier Zimmer, bitteschön! Schön wohnen!“ Er verbeugt sich tief, dreht sich um und geht.
Mein Zimmer ist klein, ich möchte mal sagen funktionell und grottenkalt. Einen Heizkörper gibt es, aber seinem Sinn und Zweck geht er nicht im Geringsten nach. Wirklich nachhaltig bringt die warme Dusche auch nichts und das warme vietnamesische (und sehr schmackhafte) Abendessen um halb sieben macht mich zwar pappsatt, wärmt aber nur kurzfristig etwas auf.
Als ich am nächsten Morgen nach dem Frühstück an die Tür ihrer Gemein-schaftsküche klopfe und mich verabschiede, springen alle Mönche von ihren Stühlen, stellen sich nebeneinander auf und geben mir lächelnd nacheinander die Hand. “Du gut geschlafen? Gut gegessen?“ Hätte mich einer gefragt: “Schön warm gewesen auf Zimmer?“, wäre meine Antwort nicht ganz eindeutig ausgefallen. Von den Stufen des Klosterportals winken sie mir alle hinterher. “Bonne route, bon chemin, gute Weg! Ultreia!“ höre ich sie rufen und bin gerührt.
Am Nachmittag des 2. Mai stehe ich unvermittelt vor einem grandiosen Ausblick hinunter auf den Genfer See und die Dächer von Lausanne. Nach 950 Kilometern, fast der Hälfte meiner Gesamtstrecke, und 44 Wandertagen habe ich ein großes Zwischenziel erreicht. Der E1 ist schon lange Vergangenheit, jetzt auch der Jakobsweg in der Schweiz. Ich biege hier ab nach Rom, auf die Via Francigena. Mein Abenteuer geht weiter.