Das Unternehmen Ätna

aetna

Reisen hat schon immer eine große Faszination auf mich ausgeübt und an Abenteuersinn hat es mir nie gefehlt. Doch solange die Kinder noch klein waren, wurde der typische Familienurlaub gepflegt. Inzwischen sind die Kinder groß und die Zeit ist reif für Reisen anderer Art: Meine Kamera und ich, allein in der Ferne, mit viel Muße zum Fotografieren.
ÄtnaAls ersten Test wählte ich ein nicht allzu fernes Ziel: Sizilien – ziemlich weit im Süden, schön warm, viele historische Sehenswürdigkeiten und natürlich das Naturwunder Ätna! Sizilien hat herrliche Strände zu bieten, hervorragende Wandergebiete (in allen Höhenlagen, mit tollen Schluchten) und jede Menge geschichtsträchtige Orte wie Caltagirone (UNESCO-Welterbe), Messina, Taormina oder Castelmola. Mein Hotel lag 17 km südlich von Catania direkt am Strand mit Blick auf den Ätna, der sich majestätisch und dominant in ca. 40 km Entfernung erhob. Und dieser Blick auf den Vulkan ließ mich einfach nicht mehr los. Unwillkürlich schaute ich immer wieder hin. Da die Spitze fast immer von Wolken umgeben war, besichtigte ich zunächst den Osten Siziliens Richtung Agusta, Siracusa, Avola, Noto. Und schon war eine Woche Sizilien um – und weil ich den Ätna nur aus der Ferne gesehen hatte, wollte ich unbedingt noch mal nach Sizilien. Zumal ich auf der Rückfahrt einen Ausbruch des Ätna live miterleben konnte. Um Mitternacht ereignete sich das Schauspiel abermals und ich konnte ein paar bemerkenswerte Aufnahmen machen: im Vordergrund Catania und im Hintergrund der Lavafluss vom Gipfel des Vulkans. Am 5. 9. 2014 war es dann wieder so weit: Flug Köln - Catania (nur 2,5 Stunden), rein in den Mietwagen und ab zum selben kleinen Hotel „Residenzia Costa del Sole“, um erneut die wunderbare Gastfreundschaft zu genießen. Von hier aus startete ich das Unternehmen Ätna. Jeden Morgen galt mein erster Blick vom Strand aus dem Ätna, weil ich ihn natürlich bei bestem Wetter erleben wollte. Und morgens war der Gipfel auch fast immer wolkenlos, doch nach dem Frühstück zogen jedes Mal Wolken auf und verhüllten die Bergspitze. Da sich die Wettersituation nicht änderte, beschloss ich, den Berg eben „mit Wolken“ zu besuchen. Zunächst stellte sich die Frage, was ich anziehe. Am Strand war es sehr warm, aber wie sah es auf dem Berg aus? Im Hotel wurde ich sehr gut beraten. Man empfahl mir festes Schuhwerk mit einer etwas gröberen Sohle. Eine kurze Hose war im Juni noch okay, aber eine Windjacke sollte ich unbedingt einpacken. (Viele unterschätzen den BergÄtna und wollen ihn im T-Shirt erklimmen.) Dazu kamen ein paar Kilo Kameraausrüstung, ein bisschen Proviant inklusive Schokolade und selbstverständlich Wasser. Um acht Uhr wurde gut gefrühstückt, dann das Auto beladen, das Navi eingestellt – und los ging’s! Ich hatte mir die Tour von Süden her ausgesucht, über Nicolosi, das zahllose Motive zu bieten hat, und viele Serpentinen zum Rifugio Sapienza (ca. 1900 m). Hier ist die Bergstation der Seilbahn, die einen auf ca. 2500 m bringt. Von dort kann man LKW-Jeeps nutzen, um zum Torre del Filosofo (ca. 2950 m) zu gelangen. Die habe ich jedoch mit Verachtung gestraft und bin die Strecke gewandert. Ich wollte den Berg ja erleben und nicht „erfahren“, zumal ich auch fotografieren wollte. Obwohl es über zahlreiche endlose Lavafelder ging, war die Wanderung sehr interessant, weil so die die Dimensionen der Plateau-Ebenen viel besser erkennbar waren. Und ich war einsamer, denn viele nutzten die LKW-Jeeps, um schneller oben zu sein. In so einen Jeep passen 30 Personen und da mehrere davon unterwegs waren, sammelten sich am Torre del Filosofo eine Menge Leute. Aber bis ich dort ankam (nach etwa 2,5 Stunden), hatten sie sich bereits gut verteilt. Beim Aufstieg machte sich übrigens die dünnere Luft bemerkbar – zumindest bei mir. Im Alter geht’s halt langsamer voran... Doch meine Devise war: Der Weg ist das Ziel! Ich erfreute mich an der Strecke. Es war schon atemberaubend, die Lavafelder endlich aus nächster Nähe zu sehen. Zugleich kam mir der Gedanke: Oh je, wenn das alles flüssig und heiß ist und wie eine Walze unaufhaltsam talwärts fließt, da ist man doch eigentlich machtlos. Einen makabren Anblick bot beispielsweise eine kleine Bergstation, die bis zum Dach in Lava begraben war. Der Torre del Filosofo ist von vielen Kratern umgeben. Von dort sehen die Menschen auf den anderen Kratergipfeln aus wie kleine Ameisen, die genau auf dem Grat wandern. Es war eine unvergessliche Erfahrung, diese verschiedenen Krater zu erleben, ohne den gewohnten Lebensstandard, ohne die ganze Technik, die man so dringend zu brauchen glaubt. Hier war ich einsam, nur ein kleiner winziger Mensch – und der höchste der Gipfel schaute majestätisch auf mich herunter. Beeindruckend war es auch, durch die Wolken zu laufen. Besser gesagt, von ihnen verschluckt zu werden. Obwohl ich mir ursprünglich einen wolkenlosen Himmel gewünscht hatte, war ich froh, dass die Wolken da waren. Es boten sich tolle Kontraste: die gewaltigen schneeweißen Wolken, der wirklich azurblaue Himmel, die Farben der Erde der teilweise rauchenden Krater – von Schwarz über verschiedene Rosttöne bis hin zu Hellgelb – und etwas tiefer dann das satte Grün der Baumregionen. Meine Kamera und ich, wir haben den Berg genossen und die Zeit vergessen. Mit vielen Erinnerungen und Bildern von der unglaublichen Landschaft ging es viel zu früh wieder abwärts zur Seilbahn zurück zum Rifugio Sapienza. Den Gipfel habe ich also immer noch nicht geschafft – ein Grund für eine dritte Reise nach Sizilien, um den Ätna dann vom Norden aus zu erkunden. Mein Dank gilt an dieser Stelle meiner Familie, die es mir ermöglicht hat, diese tolle Erfahrung zu machen, allein und abseits des normalen Alltags. Das gibt Kraft für neue Taten!

Manfred Zaude, Mediendesigner (gelernter Schriftsetzer)

Der Apple-Computer beeinflusste mein Leben ab 1985. Damit war es erstmals möglich, Bild und Text auf einem Bildschirm darzustellen (What you see is what you get) und auch auszugeben. Mit der Fotografie begann ich ca. 1965, analog mit SW- und Farbentwicklung in der Dunkelkammer. Auf dem Schoeller-Gelände betreibe ich seit einigen Jahren ein Fotostudio für People- und Produktfotografie. Jetzt kommt noch die Reisefotografie dazu. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!  

Text und Fotos: Manfred Zaude