Nach Rom ist gar nicht so weit - 2

Nach Rom

 

Die letzten Tage vor Lausanne hat sich das Wetter nicht unbedingt von seiner besten Seite gezeigt. Zu Beginn des zweiten Teils meiner Pilgerwanderung nach Rom, dem Abschnitt auf der mittelalterlichen Pilgerroute „Via Francigena“, habe ich keine Lust mehr auf Kälte, tief hängende Wolken und Regen. Es ist schließlich Anfang Mai und ich erwarte von Petrus, dass er sich Mühe gibt!

Am nächsten Morgen: Ich fass‘ es nicht! Ich schaue aus dem Fenster und die vorherrschende Farbe am Firmament ist – Blau! Bingo! Die nächsten Kilometer am Ufer des Genfer Sees entlang und durch die Weinberge des Lavaux gehören bei diesem herrlichen Wetter mit zu den schönsten Strecken, die ich je gewandert bin. Ich kann mich nicht sattsehen an den steil abfallenden Weinbergterrassen, durch die ich auf breit angelegten Wegen wandere, an den kleinen Winzerdörfern, an der tiefblauen, unter mir liegenden Seefläche, auf der Segelboote kreuzen undGimignano Schaufelraddampfer tuckern, und letztlich an dem gewaltigen Bergpanorama der Walliser Alpen. Meine Seele baumelt genussvoll vor sich hin. Hinter Montreux schwenke ich ins Rhônetal ein und zwei Tage später beginnt der Aufstieg zum St. Bernhard-Pass. Unterwegs bekomme ich wiederholt eine Information übermittelt, die ich eigentlich gar nicht hören will: Der Pass ist noch hoch verschneit und eine Überquerung unmöglich. Ich wandere dem Pass auf der Passstraße entgegen, bis es nicht mehr geht, dann steige ich zähneknirschend in einen Bus. Er bringt mich in zwanzig Minuten durch den Tunnel ins Aostatal. Gern hätte ich oben in dem uralten Pilgerhospiz bei den Mönchen übernachtet und den drolligen Bernhardinerhunden das Fell gekrault, aber es hat halt nicht sollen sein. Doch die schöne Streckenführung im Aostatal entschädigt mich und außerdem will ich nur positiv denken: Ich kann tatsächlich sagen, dass ich mich auch nach weit mehr als tausend Kilometern jeden Morgen immer noch gern auf den Weg mache. Mein Körper macht hervorragend alles mit, was ich von ihm verlange, und meine Psyche auch. Ich ertappe mich zwar immer öfter dabei, dass ich auch mal mit mir selbst spreche, aber es hört ja keiner. Seit Beginn der Via Francigena übernachte ich meist in Pilgerherbergen oder Klöstern; einfach, manchmal spartanisch, meist recht sauber, oft mit nahezu anheimelnder Atmosphäre. So in Cavagliá, am Beginn der Poebene, wo ich die Herberge, wie bisher eigentlich immer, ganz für mich allein habe. Als ich die Tür öffne, offenbart sich dahinter ein typischer Pilgerherbergen-Raum. Sechs Betten stehen nebeneinander, mit bunten Bezügen ansprechend bezogen, ein Tisch mit Stühlen in der Mitte, darauf liegt das Pilgerbuch. Auf einem kleinen Schrank an der Wand stehen ein Wasserkocher und Dosen mit Instantkaffee und Tee zum freien Gebrauch. Alles ist sauber und gepflegt, auch die Sanitäranlage eine Tür weiter. Ich bin mehr als zufrieden. Manchmal denke ich an die Leute, die mich vor Beginn meiner Reise mit Ratschlägen versorgt haben. Auf dem Pilgerweg würde ich mich selbst finden, hatten mir einige angekündigt. Weit gefehlt,Wagner denke ich jetzt, viel wichtiger ist mir, dass ich am Abend eine Unterkunft und am Tag genügend Wasser und Lebensmittel finde. Von der “Konzentration aufs Innere“ hatten mir andere vorgeschwärmt, obwohl sie noch nie auf einem Pilgerweg waren. Wie das, wenn die Füße brennen, die Sonne sticht und sich mir beim nächsten Bauernhof schon wieder ein kläffender Hund in den Weg stellt? Ich denke, ich komme mit meinen Erfahrungen sehr nah an das heran, was Pilgern früher war und eigentlich immer noch ist. Pilgern ist die Erfahrung von Fremdsein, fast von Ausgesetztsein, vom Bestehen der täglichen Schwierigkeiten. Das ist etwas anderes als die Romantik, mit welcher der Begriff heute so oft umkleidet wird. Pilgern ist immer noch Auseinandersetzung mit der Welt und mit dem Leben. Ich überquere den Apennin, berühre für zwei Tage die Mittelmeerküste bei Carrara und ziehe dann durch die Toskana. Eine Traumlandschaft, bei traumhaftem Wetter – und auch Nebel kann traumhaft sein. An einem Morgen ist es zuerst, als läge tiefer Schnee. Dichter Nebel drückt sich behutsam über die Hügel, schluckt die Geräusche und lässt die Welt seltsam still und harmlos erscheinen. Die Sonne liegt noch im Schlaf. Dann wird an einigen Stellen am Himmel aus dem Einheitsgrau immer mehr ein mattes Blau und Sonnenstrahlen fallen, dem Lichtschein einer Riesentaschenlampe gleich, auf die Hügel und einzelne Gehöfte. Doch verlieren sich immer noch Zypressenreihen und der Weg weiter hinten im Grau; ganz so, als wolle der Nebel sie verschlucken. Links und rechts des Weges verzieren Hunderte kunstvolle, mit kleinsten Wassertropfen behängte Spinnennetze Blumen und Büsche. Ich bin wieder mal fasziniert davon, was die Natur fertigbringt. Ein anderes Mal sind es die Weinberge, die das Bild bestimmen. Erneut nimmt mich diese Landschaft so gefangen, dass ich mich immer wieder dabei ertappe, dass ich gar nicht mehr gehe. Dann stehe ich einfach nur da, habe wahrscheinlich den Mund auf und staune. Ein Motiv reiht sich an das andere und dennoch kann kein Foto den Eindruck wiedergeben, den das Auge wahrnimmt. Inzwischen rückt das Ziel näher. Hat mich deshalb eine so eigenartige Gelassenheit ergriffen? Oder liegt es an der Toskana, durch die ich immer noch gehe; an dieser besonderen, hügelreichen, über weite Strecken baumlosen Landschaft, in der man auf geschwungenen Wegen geradezu in die Unendlichkeit hinausläuft? Während ich bis zum Beginn der Toskana allein unterwegs war, treffe ich mittlerweile auf andere Pilger. Einer von ihnen ist Piet, ein evangelischer Pastor aus Utrecht in Holland. Mit ihm komme ich intensiv über das Pilgern ins Gespräch. „Auf meinen Pilgerwegen habe ich erfahren, was Mitmenschlichkeit heißt, zwischen uns und den Menschen am Weg, aber besonders unter uns Pilgern selbst.“ Piet formuliert es nahezu kämpferisch: „Auf dem Pilgerweg wird die klassenlose Gesellschaft Realität. Wenn die Pilgerinnen und Pilger am Abend erschöpft in der Herberge ankommen, die Blasen an den Füßen pflegen und die Wäsche von Hand waschen, dann sind wir alle gleich!“ Ich kann ihm da nur recht geben. Auf dem Pilgerweg wird tatsächlich eine Utopie angesprochen: die Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, in der sich Menschen verschiedenster Nationen, Kulturen und Gesellschaftsschichten im gleichen Ziel zusammenfinden. Als ich in Viterbo nach meinem Abendessen in einer kleinen Bar zur Pilgerherberge zurückkomme, treffe ich auf den jungen Spanier Julio, der vor der Herberge auf einer Bank sitzt, Gitarre spielt und dazu singt. Leise, gefühlvolle Lieder, nicht für irgendein Publikum, sondern für sich. Ich setze mich etwas abseits, will den Jungen in seiner Welt nicht stören. Dann spielt er „Halleluja“ von Leonard Cohen – und es ist um mich geschehen. Während ich ihm wie gebannt zuhöre, steigen Bilder von meinem langen Weg in mir auf, von Landschaften, Menschen, besonderen Momenten. Ist man ein Weichei, wenn man in solchen Augenblicken die Tränen nicht unterdrücken kann? Ich wehre mich nicht, lasse sie fließen. Nach diesem so berührenden Lied packt Julio seine Gitarre ein und geht in die Herberge. Es waren mit die schönsten fünf Minuten meiner Reise. Einige Tage später ziehe ich mit Antonella aus Italien und Marion aus Holland durch Latium, die letzte Region vor Rom. Immer mehr nähern wir uns der italienischen Metropole und mit Skepsis denken wir an unsere letzte Tagesetappe: fast 15 Kilometer an einer der meist befahrenen Ausfallstraßen Roms entlang, der Cassia, auf der schon zu Römerzeiten Legionäre, Händler und Pilger zogen – aber noch keine Autos und LKW. In der Tat wird es laut und hektisch, so ganz anders als auf den vielen, vielen Kilometern zuvor. Der Verkehr rauscht pausenlos an uns vorbei, aber darauf dürfte man vorbereitet sein, wenn man nach Rom hineinwandert. Es ist sozusagen ein „rauschendes Finale“. Trotz der Konzentration auf den Verkehr fiebern wir nun alle drei unserem endgültigen Ziel entgegen. Auf einmal kehrt Ruhe ein. Aus dem dichtesten Verkehr heraus verlassen Antonella, Marion und ich bei einem hohen steinernen Torbogen die Straße und gehen über niedrige Steinstufen zu den Grünanlagen des Monte Mario hinauf. „Mons gaudii“ hieß diese Erhebung im Norden Roms früher bei den ankommenden Pilgern – Berg der Freude. Nach einem kurzen Pfad unter dichten Bäumen kommt fast unvermittelt der große Augenblick: die grandiose Aussicht auf Rom. Eigentlich könnten wir jetzt in lauten Jubel ausbrechen, aber das passiert nicht. Wir stehen nur da und schauen auf diese Stadt hinunter. Wie oft haben wir an diesen Moment gedacht und jetzt ist er wirklich da! Wir nehmen bewusst etwas Abstand voneinander. Jeder will einen Moment ganz für sich allein sein und diesen Augenblick genießen. Dann erst gehen wir wieder aufeinander zu, nehmen uns kurz in den Arm, ohne zu reden, und ich sage nur: „Jetzt noch den Rest!“ In Serpentinen steigen wir vom Monte Mario hinab und gehen dann geradeaus auf den Petersdom zu. Um elf Uhr erreichen wir den Petersplatz. Vor uns steht das mächtige Bauwerk von St. Peter. Wir sind endgültig am Ziel.


„Nach Rom ist gar nicht so weit” 252 Seiten SW 5 Karten- und Wagner in Rom
28 Fotoseiten ISBN: 978-3-7386-0202-9
Preis: 29,90 € Zu erwerben beim Autor per E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! Romwanderungblog:
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