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IHR LANDSTYLE MAGAZIN


 

Hermann Josef Hack

Hack, von der etablierten Kunstszene mit Berühungsängsten immer noch als randständig behandelt, obwohl er in der Öffentlichkeit viel Beachtung erfahren hat, hat seit der Gründung des GLOBAL BRAINSTORMING PROJECTs 1991 immer wieder durch seine Ausstellungen und Kunstaktionen auf Themen wie Klimawandel und Migration hingewiesen, lange bevor es eine öffentliche Wahrnehmung dafür gab. Wegschauen war nie seine Art. Er sieht seine künstlerische Berufung zugleich als gesellschaftliche Verpflichtung an, und er handelt, diskutiert und provoziert – überall dort, wo die „Straßenbühne“ am wirkungsvollsten ist, wo man seine Installationen nicht übersehen kann. Seine Kunst ist witzig, aber das Lachen bleibt einem im Hals stecken: Beton-Brote als Sinnbild für hartes Brot „soziale Härte“ oder Brotpanzer der „Brote Armee Fraktion“ als Fundamentalbedürfnis-Besatzer im Vatikan und in Monaco.

Hack errichtet mit seinen bemalten Minizelten, von denen er inzwischen mehr als 1000 Stück gefertigt hat, symbolisch Klimaflüchtlingslager vor dem Brandenburger Tor in Berlin, auf Plätzen in Amsterdam, Paris, London, Dublin, Äthiopien, Indien, Brasilien, auf Bali und anderswo. Er gründete die Policía Agua in Lima (Wasserpolizei), um mit Aktionen auf die Wasserknappheit in Peru hinzuweisen, errichtete die erste Gedenkstätte für die künftigen Opfer des Klimawandels, rollte vor dem Bundeskanzleramt den Arme-Socken-Teppich aus oder führte Obdachlose durch die ART Cologne und die documenta 1997. Er ist die Künstlerstimme der Ausgegrenzten und Benachteiligten auf der ganzen Welt.

Seine Malerei bringt er plakativ auf ausgediente LKW Planen und Produktionsreste, die er zu Zelten, Fahnen, Klimaschutzwesten verarbeitet. Sie sind wetterfest und strapazierfähig – geeignet für die Straße, sogar als Behausung – und durch Hacks Kunstrecycling auch ökologisch nachhaltig.Herr Hack, wie reagieren die Leute auf Ihre Aktionen?

Mit großer Neugier. Ich stelle meine Kunst nicht vordergründig in einer Galerie für ein ausgewähltes Publikum aus, das sie kaufen will. Ich setze mich ungefragt auf die Straße zu den Leuten und lade sie ein zum Thema. Damit erreiche ich auch ganz andere Leute. Auch solche, die nicht unbedingt ins Museum oder in die Galerie gehen würden. Das ist es, was mich interessiert; das ist mein Beuys´scher Ansatz: Jeder als Teil dieser Gesellschaft kann diese verändern, aber die Kunst hat die Kraft der Kommunikation, der Kreativität, der Bewusstseinserweiterung. Daher sollten wir sie nutzen.

Wie muss man sich das vorstellen? Sprechen Sie die Passanten einfach an?

Beim Aufbauen kommen zuerst die Kinder, dann sind auch die Eltern da. Die Leute machen Fotos und fangen an zu fragen. Ich frage zurück. Ich bin kein Erklärer, auch kein Erlöser, bin aber ansprechbar. Die Leute nehmen es super an. Fragen dann, was sie selbst machen können, zeigen sich sehr interessiert. Das bestärkt mich darin weiterzumachen. Die Aktionen werden stark wahrgenommen, auch von den Medien.  Was die Leute damit machen, ist ihnen überlassen: Das auf sie Zugehen ist der wesentliche Schritt.

Sie behaupten, der Innovationsprozess sei nicht allein durch wissenschaftliche Fakten kommunizierbar, sondern nur als kultureller Prozess.

Die Wissenschaftler haben schon so viel etwa zum Klimawandel erforscht und fragen sich, warum die Leute ihre Ergebnisse noch immer ignorieren und ihr Verhalten nicht ändern. Dann sage ich: „Weil es eine kulturelle Frage ist, keine wissenschaftliche. Ihr als Wissenschaftler stellt etwas fest, aber ob es die Leute berührt, bewegt und verändert, wisst ihr nicht.“ Das ist wie mit dem Rauchen – man weiß, dass es schädlich ist, aber man verdrängt es. Als wäre das Problem nicht mehr da, wenn man die Augen zumacht. Dabei ist es doch eine kreative Herausforderung, die Verwandlung unserer Gesellschaft aktiv zu gestalten. Alle wissen, so kann es nicht weitergehen. Eine Transformation muss kommen. Auch das ist vor allem eine kulturelle Aufgabe. Daran arbeite ich.

Sie reagieren auf die aktuellen Ereignisse …

Wenn ich nur reagieren würde, wäre ich ein Karikaturist. Wenn ich mir anschaue, was heute passiert, finde ich es viel aufregender, Dinge vorauszudenken oder mir auszumalen, wohin uns diese Reise führen könnte. Das ist spannender, als nur zu kommentieren. Da lade ich auch Schulkinder ein und frage sie: Wo siehst du dich später mal? Was haben diese Ereignisse mit deinem Leben zu tun? Wie willst du leben?

Sie haben mit Ihrem Kollegen Andreas Pohlmann die Erste Flüchtlingsakademie der Freien Künste gegründet, haben inzwischen das dritte Malbuch für Flüchtlinge herausgebracht. Wie wird es von den Flüchtlingen angenommen?

Zuerst sind sie sehr verhalten und dann explodieren sie: „Ihr seid die Ersten, die offen und auf Augenhöhe etwas mit uns machen – die sich für uns interessieren.“

Bei den Malbüchern geht es nicht ums Ausmalen, sondern sie dienen den Geflüchteten vielmehr als Anregung für ihre Fantasie, die Welt darzustellen, die sie kennen. Der nächste Schritt ist, dass wir gemeinsam darüber sprechen. Ich als Kultur schaffender Mensch möchte sie natürlich kulturell erreichen. Es gibt vieles, was wir über ihre Kultur nicht wissen und daher nicht verstehen. Wenn man jedoch mit ihnen darüber spricht, fühlen sie sich verstanden. Dann zeigen sie uns ihre Arbeiten und wir sehen wiederum die Geflüchteten mit einem anderen Verständnis: kultureller Austausch.   

Es entsteht also ein Austausch? 

Ein Beispiel: Zu meiner Ausstellung habe ich Geflüchtete und deutsche Senioren eingeladen. Es kamen überwiegend Frauen über siebzig, die von der Lage in den zerbombten Städten Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt haben. Und die Flüchtlinge fragten interessiert: „Wie habt ihr es geschafft, das alles wieder aufzubauen? Wie können wir es machen, wenn der Krieg einmal vorbei ist?“ Die anfangs reservierten alten Leute wurden plötzlich zu Experten: „Das schafft ihr auch, man muss nicht daran zerbrechen.“ Und am Ende merkten beide Seiten, wie viele Gemeinsamkeiten sie haben.

Haben die Geflüchteten, die aus unterschiedlichen Kulturen kommen, Verständnis für Ihre Arbeiten?

Ich habe sie danach gefragt, was sie in meinen Bildern sehen. Und sie haben mir vieles erklärt, das sie an ihre Erlebnisse erinnerte. Da habe ich mich auch verstanden gefühlt und gesehen, dass meine Bilder richtig verstanden werden.

Was ist Ihr Fazit nach 26 Jahren künstlerischer Auseinandersetzung mit dem Thema Klima? Sind wir weitergekommen?

Es hat sich zwar schon einiges getan, aber leider geht es immer noch zu langsam vorwärts. Ich habe keine guten Zukunftsvisionen. Wenn wir so weitermachen – und das werden wir, wenn wir nicht aufhören zu verdrängen –, dann wird sich unser Leben radikal verändern. Bei einer Erwärmung beispielsweise um 4°C werden große Teile der Erde nicht mehr bewohnbar sein. Das heißt, von dort werden Menschen zu uns kommen; die Vereinten Nationen sprechen von 250 Millionen Geflüchteten, die sich bis Mitte des Jahrhunderts in Bewegung setzen. Und solange es keine Perspektive gibt...

Was schlagen Sie für den Alltag vor?

Wir alle können und müssen als Ver-braucher Druck machen und die richtigen Sachen einkaufen. Wir müssen lernen, dass es Spaß machen kann, auch mit weniger auszukommen; dass wir anders teilen müssen und dass der Austausch mit anderen Freude macht. Viele denken, da würde ihnen etwas weggenommen, denn unser Bewertungssystem stammt noch aus der Zeit, als alles größer, schneller, teurer etc. sein sollte. Und wenn nicht die Kultur, wer oder was sollte die Menschen sonst auf solche Dinge aufmerksam machen? Eins ist klar: Wir alle sind Täter und Opfer zugleich. Nur wer den Wandel gestaltet, hat eine Überlebenschance.

(dh)


Vita

Hermann Josef Hack

geboren 1956 in Bad Honnef, studierte Freie Künste in Düsseldorf bei Joseph Beuys, war Kunstbeauftragter des Bundesministeriums für Forschung und Technologie und Mitglied des Gründungskuratoriums der Kunst- und Ausstellungshalle der BRD. Als Gastdozent unterrichtet er an verschiedenen Universitäten und Akademien. Für seine Arbeiten bekam er viele internationale Auszeichnungen und Preise.

Über seine vielfältigen und unzähligen Aktionen und Projekte rund um den Globus kann man sich informieren auf: 

www.hermann-josef-hack.de.

Termine

 

15.05.

20.00 Uhr
Buchvorstellung im R² - Frank Berzbach liest aus und stellt vor: Die Form der Schönheit. Über eine Quelle der Lebenskunst
Buchhandlung R², Holzgasse 45, 53721 Siegburg


16.05.

20:00 Uhr
Wolfgang Schiffer & Niklas Schütte: Schotterwege oder: Was kostet die Welt?
Buchhandlung R², Holzgasse 45, 53721 Siegburg



Highlights

 

Die neue Ausgabe Sommer 2018

erscheint am 01.06.2018

Aktuelle Ausgabe: Inhalt

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