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Text: Josef Šnobl I Foto: Bettina Flitner

Bettina Flitner

Bettina Flitner kam mit kleinen Umwegen über den Film zur Fotografie. Nach der Ausbildung zur Cutterin hat sie in Berlin auf der Film- und Fernsehakademie studiert. Auch wenn ihre ersten Filme oft ausgezeichnet wurden, widmet sie sich seit den 90er-Jahren überwiegend dem statischen Bild. 

„Ich wollte schon immer wissen, was die Menschen im Innersten bewegt. Es war immer ein Antrieb meines Seins und meiner Arbeit. Am Anfang dachte ich, dass man eine Geschichte optisch nur mit einem Film erzählen kann, aber Filmemachen ist Teamarbeit; mit vielen Menschen verbunden. Da kannst du niemals so dicht ran und so tief in ein Milieu eintauchen wie wenn ich allein bin, nur mit dem Fotoapparat.

Die Kamera ist mein Schlüssel, um überall reinzukommen.“ 

Am Anfang machte sie Reportagen, nahm teil an verschiedenen Ausstellungen und Veröffentlichungen. Der traditionelle Weg genügte ihr aber nicht. 

„Ich musste eine Form finden,  mit dem Fotoapparat genauso gut Geschichten erzählen zu können wie mit Film. Und so bin ich darauf gekommen, mit Zitaten der Fotografierten zu arbeiten, serielle Arbeiten zu erstellen, bei denen mehrere Fotos in Folge eine Geschichte erzählen oder ein Thema von verschiedenen Seiten beleuchten. Es ist kein linearer Erzählstrang wie bei einem Fotoroman; es ist ein Essay.“

Bettina Flitner entdeckte den öffentlichen Raum für sich. Sie machte ihre Bilder zu Skulpturen und präsentierte sie oft an überraschenden Orten in ungewöhnlichen Kontexten. Ihre gesellschaftspolitischen Themen sind meist brisant und werden viel diskutiert, ob es um Jugendliche geht („Ich bin stolz, ein Rechter zu sein“, 2000) oder um Bordellbesucher („Freier“). Ihre Offenheit dem Thema gegenüber und ihr subtiler Umgang mit den Menschen erstaunen oft.

„Ich habe eine bestimmte Haltung, die aber beim Zusammentreffen z.B. mit Rechtsradikalen oder mit Freiern nicht im Vordergrund oder zwischen uns stehen darf. Ich treffe da einen Menschen und muss mich ganz offen, fast naiv, auf ihn einlassen: Wer ist das, was fühlt er, was denkt er, warum denkt er das? Trotz meiner Haltung muss ich diese Offenheit haben, sonst erfahre ich ja nichts und mache das, was ich schon vorher denke oder andere sehen wollen.“

Flitners Tätigkeitsfeld beschränkt sich allerdings nicht nur auf kontroverse Themen, obwohl sie auch in der leichtesten Form gesellschaftlich relevant bleiben („Boatpeople“). Wenn sie über ein Thema stolpert und es sie interessiert, scheut sie keine Kosten und Mühen, reist in die verstecktesten Gegenden der Welt und macht ihre mal empathischen, mal mahnenden Reportagen. („Hexenverbrennung in Papua Neuguinea“ oder „Besuch im Kongo“) 

„Zuerst habe ich eine Idee, dann entwickle ich ein Konzept und fotografiere mich an das Thema heran, um zu prüfen, ob die Idee überhaupt funktioniert. Meistens kannst du die ersten Bilder in die Tonne schmeißen, weil es noch nicht passt. Erst nach und nach formt sich das und irgendwann, wenn alles sitzt, läuft es von allein.“

Bettina Flitners Arbeitgeber sind mehrheitlich Non-Profit-Organisationen und gemeinnützige Stiftungen, für die sie Konzepte entwirft und in der ganzen Welt realisiert. Sie ist eine hervorragende Porträtistin, überwiegend von Frauen („48 Europäerinnen“, „Frauen, die forschen“, „Mitten im Leben“) und Autorin zahlreicher Bücher. Wenn es nötig wird, greift sie auf die Filmkamera zurück oder schreibt selbst den Begleittext oder Essay. Bettina Flitner ist vielfältig und klar. Sie scheut sich nicht, auch die banalsten Sachen zu hinterfragen, um überraschende Antworten zu finden.

„Eine Haltung ist etwas anderes als eine vorgefertigte Meinung. Ich habe auch keine Grenze, was ich nicht fotografieren würde. Ich kann mir jedes Thema der Welt vornehmen und meinen Blick darauf werfen und wenn es weit weg ist, umso besser, dann erfahre ich etwas. Das ist ja meine Triebfeder, diese Erfahrungen prägen mein Bild von der Welt...“

www.bettinaflitner.de

 

 

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