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IHR LANDSTYLE MAGAZIN

 
 
Wohnen im Wandel

 

Die konkrete Wohnsituation hat sich innerhalb des letzten Jahrhunderts sowohl in der Stadt als auch auf dem Land stark verändert. In früheren Zeiten hatte Wohnen lediglich die Funktion, die elementaren Bedürfnisse zu stillen. In der Stadt bildeten Geschäft oder Werkstatt und Wohnstätte, auf dem Land die Wohnhöfe mit Nebengebäuden, eine Arbeits-, Wohn- und Lebenseinheit mit Allzweckräumen. Die harte Arbeit färbte sich auf den Wohnalltag ab. Dabei dachte keiner an Wohnqualität oder Gemütlichkeit und der Einrich-tungsgeschmack der Bewohner hatte keinerlei Bedeutung. Selbst die Schlafplätze von Herrschaft und Gesinde oder die der Bauerngroßfamilie mit deren Knechten und Mägden waren nicht getrennt, sodass das ganze Leben quasi öffentlich stattfand. Lange Zeit vor dem Aufkommen von Supermärkten waren Bauernhöfe Selbstversorgungseinheiten. Zu den Haupttätigkeiten im Haus gehörte die Lebensmittelkonservierung. Das Essen kam aus der unmittelbaren Umgebung vom Feld, durch das Sammeln von Beeren und Kräutern, aus dem eigenen Garten und Stall. Zuweilen waren die Ställe mit Tieren ebenerdig und
die Menschen lebten darüber in der ersten Etage. Oftmals fanden sich in der Küche auch kleine Gehege zur Haltung von Lebendgeflügel oder es störte sich niemand daran, dass die draußen frei lebenden Hühner in die Küche kamen und dort auf dem festgestampften Lehmboden Krümel aufpickten. Darüber, mit welcher Knochenarbeit das Leben anno dazumal verbunden war, könnten die alten Hausgeräte im Heimatmuseum Windeck sicherlich Geschichten erzählen. Mehr und mehr entlastet ab Anfang des 20. Jahrhunderts die Technik die Arbeit in privaten Haushalten und auf dem Feld. Schritt für Schritt werden durch den damit einhergehenden verminderten Bedarf an Hilfskräften die modernen Wohnungen, Häuser und Bauernhöfe zu reinen Wohnstätten einer Familie und die Räume durch Trennung von Arbeitsstätte und Wohnung zu bloßen Wohnräumen. Während in früheren Zeiten keine Rücksicht auf kindliche Bedürfnisse genommen wurde und Kinder oft schon mit fünf Jahren ans Arbeiten gewöhnt wurden, rücken nun Kinder ins Zentrum des familiären Lebens und werden sogar gesonderte Kinderzimmer eingerichtet. Auch kommen spezielle Räume wie zum Beispiel das Schlafzimmer auf. Da es nun nicht mehr nur Durchgangszimmer gibt, wird zur Erschließung der voneinander getrennten Räume der Flur erfunden.
Dies führt dazu, dass Privatsphäre entsteht, die früher quasi unbekannt war, sich Individualität entwickelt und die Erwartung an eine Wohnstatt sich
ändert. Mit dem Zerfall der Großfamilie ging es über die Kleinfamilie, die sich ab Mitte des 20. Jahrhunderts dann nicht mehr um die Feuerstelle bzw. den Herd, der mit Nahrung versorgt, versammelt, sondern den Hauptwohnraum so organisiert, dass der Fernseher die zentrale Raumkomponente darstellt, später weg von der Geselligkeit und hin zum heute weitverbreiteten Alleinwohnen. Früher wie heute ist die Heimstatt ein Ort der Geborgenheit und der Identifikation. Auch das eigene Feuer ist heute vielen noch wichtig. Wer kann, der baut einen offenen Kamin in seine Wohnung ein. Unverändert hat die Art der Ausgestaltung der eigenen vier Wände große Bedeutung für das Leben des Menschen und bestimmen die Lebensumstände das Lebensgefühl. Während die Ausstattung eines Mehr-personenhaushalts noch vor hundert Jahren nur 100 Gegenstände umfasste, waren es 1950 bereits 1.000 und heute finden sich in einem Zwei-personenhaushalt 10.000 Utensilien zum mehr oder weniger täglichen Gebrauch. Es geht beim Wohnen nun um mehr als nur eine Unterkunft. Die Wohnstatt ist einem ständigen Wandel durch wechselnde Moden unterschiedlicher Ausprägungen unterzogen, sodass nichts mehr von Generation zu Generation weitergegeben wird. Nicht allein der Nutzen eines Gegenstands ist wichtig, sondern die Dekoration der Wohnung wird zum Ausdruck von Individualität und bietet Vergnügen bereitende Gestaltungsmöglichkeiten.

Text: Helga Loser-Cammann I Fotos: Jiri Hampl

 

 

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Ausgabe Herbst erscheint am 02.09.2019

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