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IHR LANDSTYLE MAGAZIN

 

Natalia und Andreas Möller 

Weberei Hamburg  

Das Weben, eines der ältesten Handwerke überhaupt, war früher ein Männerberuf und in manchen Ländern dieser Welt ist das immer noch so. Hierzulande sind die webenden Männer heute in der deutlichen Minderheit. Einer von ihnen ist der Hamburger Andreas Möller. Was hat ihn dazu bewegt, sich auf dieses alte Handwerk einzulassen? Um das zu erfahren, haben wir ihn und seine Frau Natalia in ihrer Werkstatt in Hamburger Stadteil St. Pauli besucht.

Der entscheidende Augenblick

Mit 12 Jahren sah Andreas Möller in der Schule einer Gruppe beim einfachen Weben auf Pappe zu, woraufhin er es zu Hause nachmachte und verbesserte. Dieser Moment stieß alles an und weckte sein Interesse. Als jüngstes von vier Kindern wurde er beim Weben in der Familie in Ruhe gelassen. Das gefiel ihm und so webte und forschte er, von der alten Handwerktechnik immer mehr fasziniert, viel auf kleineren Webrahmen. Mit 16 folgte ein Praktikum und nach dem Abitur im Hamburger Haus für Kunst und Handwerk eine Weberlehre. Möllers Tischdecke gewann den Preis als bestes Gesellenstück im Weberhandwerk 1988. Vier Jahre später machte er sich selbständig, experimentierte mit raffinierten Strukturen und fertigte neben Decken vor allem Schals. Für eine elastische, strukturbetonte Wolldecke bekam er 1999 den Bayerischen Staatspreis in Gold – und in der Folge viele weitere Auszeichnungen. Interessante dreidimensionale Strukturen wurden zu  Markenzeichen von Andreas Möllers Geweben. 

Einer dieser Preise, der 1. Preis international auf der Textilart-Messe in Caracas/Venezuela, führte ihn 2006 zu einer Messe nach Puerto Rico, wo er seine spätere Frau Natalia aus Uruguay kennen lernte, die ebenfalls einen Preis mit ihren Strickwaren erhielt. Sie war begeistert von der Weberei und besuchte Möller in seinem finnischen Sommerdomizil, um das Weben zu erlernen. „Sie war sehr interessiert und talentiert und webt heute genauso schnell wie ich“, sagt Andreas Möller lachend. Ihre zahlreichen Ideen fließen in Produkte mit eigenem Design ein; der Schal „Philharmonie“ ist ein Beispiel dafür. 

Flying-8 – eine Revolution 

Die Webtechnik an sich hat sich in den letzten Jahrhunderten kaum geändert, die klassischen Handwebstühle funktionieren mehr oder weniger immer gleich. Damit gab sich ein Tüftler wie Andreas Möller nicht zufrieden, denn er sah die vielen Nachteile dieser Webstühle und wollte sie weiterentwickeln, sie schneller, rücken- und bedienungsfreundlicher und schließlich auch günstiger machen. Genau vor zehn Jahren begann er, seinen eigenen Webstuhl zu bauen: den Personal-Flying-8 Webstuhl. 

Der Auslöser war der Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, den traditionellen Webern in Äthiopien das Weben mit dort gebauten Kontermarschwebstühlen beizubringen. Die notwendige Kooperation mit den Handwerkern vor Ort war unbefriedigend, also entschloss sich Andreas Möller, einen Webstuhl zu entwickeln, den sich jeder Weber nach Anleitung mit kleinen Mitteln und Werkzeugen selbst bauen kann. So entstand im Sommer 2009 der erste Flying-8 Webstuhl. „Charakteristisch für diesen Webstuhl ist, dass die Bank ganz durchgeht und die Tritte sich darunter befinden. Die Drehrichtung des Baums mit dem gewebten Stoff wurde geändert und viele andere Kleinigkeiten. Ich habe den Webprozess verschlankt, man fühlt sich beim Arbeiten wohl, sitzt gemütlich und kann acht Stunden am Tag arbeiten“, erklärt Möller. „Ich habe mir erlaubt, neu zu denken.“

Weben für eine bessere Welt 

Seit der Zeit bietet er das Konzept „Webstuhlbau und Unterricht“ rund um den Globus an. Es eignet sich nicht nur als Hilfsprogramm in Entwicklungsländern, sondern auch für Hochschulen in Industrieländern. „An meinen Webstühlen sitzen bereits Menschen auf vier Kontinenten und in über 20 Ländern“, erzählt Andreas Möller. 

Bei den Projekten in Äthiopien entwickelte sich eine echte Erfolgsgeschichte: Sein bester Schüler Esmael Jemal
betreibt dort heute eine Weberei für hochwertige Handtücher. Unter dem Label „From the Hands of Ethiopia“ verkauft er sie an die Weberei Hamburg, aber auch nach England und in die USA, was ihm und seinen Mitarbeitern ein gutes Einkommen sichert.

„Inzwischen sind wir sehr bekannt, es kommen Leute aus vielen Ländern, um sich den Webstuhl anzuschauen“, freut sich Möller. „Die kleine Geschäftsfläche läuft gut, wir werden wahrgenommen. Wir gehen auf hochwertige Ausstellungen, beliefern ein großes Geschäft in Hamburg, Thomas-i-Punkt, und die Nachfrage nach unseren Schals ist groß.  Meine Frau ist mit Weben beschäftigt, ich vor allem mit Herumreisen, Unterrichten, Bücher schreiben.
2020 wollen wir den Webstuhl als Bausatz produzieren lassen. Es gibt viel zu tun, aber das Leben an sich vergessen wir nicht.“

Termine für Flying-8 Kurse in Rothen, Mecklenburg-Vorpommern und weitere Infos unter: www.weberei-hamburg.com

Von Drahomira Hampl, Foto Jiri Hampl

 

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