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Adrian Kühn von Kerbholz:
„Ich sehe mich noch in 40 Jahren Musik machen“

Es ist still. Alle Großveranstaltungen sind vorübergehend abgesagt. Das erste Mal in der Karriere der Band Kärbholz aus Ruppichterroth, dass sie so eine Ausnahmesituation miterlebt. Sie gehört zu den erfolgreichsten Deutschrock-Bands und spielt nicht nur in ganz Deutschland, sondern auch in Österreich und der Schweiz. Normalerweise wäre sie jetzt überall, nur nicht bei iMAG auf dem Sofa, um mit uns über die Überbrückung der Corona-Zeit, ihr neues Lied und ihre Pläne nach der Krise zu reden. Wegen der Kontaktbeschränkung haben wir nur Adrian Kühn eingeladen, der für die ganze Band spricht.

Ihr habt in der Corona-Zeit ein neues Lied rausgebracht: „Lass uns Freunde bleiben“. Wie kam es dazu?
Ich als Grafiker mache im Moment nur das Nötigste an Gestaltung, fahre Motorrad und schreibe Songs, und im Zuge dessen habe ich auch diesen geschrieben. Anfangs war gar nicht der Gedanke da, den Song mit Kärbholz zu spielen. Ich wollte mich einfach mit der Akustikgitarre hinsetzen und das bei Facebook posten. Der Song ist ein sehr romantischer Blick darauf, was man aus dieser Situation mitnehmen kann, und zielt darauf ab, dass wir im Idealfall die emotionale Nähe beibehalten. Ich habe nämlich das Gefühl, die Leute sind zur Zeit ein bisschen offener füreinander und interessieren sich mehr für das Wohl der anderen. Ich wollte einfach eine positive Attitude. Ein Freund sagte mir, ihm gefielen diese Mutmacher. Ich dachte „so einen Song braucht kein Mensch“ – und zwei Tage später gab es „Lass uns Freunde bleiben“ (lacht).

Du schreibst die Texte – wie kommst du auf die Themen? Und was passiert alles, bis der Song fertig ist?
Die Themen kommen von dem, was mich bewegt. Das sind wirklich ganz persönliche Anliegen und Sachen, über die ich mir Gedanken mache. Das kommt immer irgendwie, und dann setze ich mich mit der Akustikgitarre hin und mache einen Song daraus. Danach gehe ich allein in unseren neuen Proberaum und singe es ein. Dazu spiele ich die Gitarren, spiele noch einen Bass drüber oder mal ein Soft-Schlagzeug und darüber reden wir dann. Als Nächstes spielen wir das Stück dann live zu viert und jeder gibt noch sein Zeug hinzu – so entsteht bei uns ein Song. Wir brauchen einen kleinen Grundstein, das ist für uns zielführender, als wenn jeder bei Null anfängt.

Macht euch die Corona-Phase kreativer oder zieht sie euch eher runter?
Das Gefühl wechselt ständig. Auf der einen Seite nutze ich die Zeit, neue Songs zu schreiben, aber das hätte anders auch funktioniert. Auf der anderen Seite weiß ich nicht so recht, was ich mit meiner Zeit anfangen soll. Wir hätten diesen Sommer total viel gespielt, wir hätten jetzt schon eine Akustiktour hinter uns, die Live Saison würde anfangen, die vielen Open-Airs. Ich hätte selbst Festivals besucht, weil ich das Live-Erlebnis großartig finde. Mir fehlt das sehr und ich kann nur sagen, dass ich die Zeit irgendwie anders nutze, um kreativ zu bleiben. Also Songs schreiben oder Gitarrensachen lernen, die ich noch nicht kann.

Schaut man jetzt auch zurück und denkt sich: „Krass, was wir alles erreicht haben“?
Ja, schon. Alles ist total entschleunigt, was ich gar nicht schlecht finde. Da denke ich natürlich: „Ach Mensch, wie das alles die letzten Jahre gelaufen ist und vor allem wie schnell!“. Und dass man jetzt auch mal Zeit hat, ohne schon an den nächsten Schritt denken zu müssen. Ich glaube, es gibt viele Leute, die über die letzten Jahre total in ihrer Arbeit drin waren und nie Zeit hatten, mal durchzuatmen.

In dieser Zeit musste ich an euer Lied „Kind aus Hinterwald“ denken, in dem ihr darüber singt, wie sehr ihr unsere Region liebt. Warum seid ihr – trotz eures großen Erfolgs und Ruhms – hier geblieben?
Wir sind hier einfach alle verwurzelt. Wir sind in Ruppichteroth groß geworden, bis auf Henning, den haben wir etwas später kennen gelernt. Ich freue mich einfach immer, wenn ich hier bin, in meinem Garten sitze und original nichts höre. Ich mag es, bei Edeka einkaufen zu gehen, wo ich eigentlich nur zehn Minuten brauche, aber noch zwanzig weitere mit Bekannten Schwätzchen halte. Und ich möchte grillen, wo sich der Nachbar nicht beschwert, sondern vorbeikommt. Wenn man von der Tour kommt, hat man immer noch ein gewisses Stresslevel, und ich bin froh, dass es hier weggeht.

Ihr alle habt einen Job, das heißt, ihr lebt nicht voll von eurer Musik. Warum?
Das Pensum der Band wäre bei einem Vollzeitjob gar nicht möglich. Wir mussten irgendwann entscheiden, ob mehr Arbeit oder mehr Musik, und wir haben uns für die Musik entschieden – aber derart, dass wir nicht davon leben müssen, denn so erhält man sich seine Kreativität. Es wäre schon möglich, von der Musik zu leben, aber ich weiß nicht, ob das zielführend ist. Wenn du ein Konzert spielen musst oder ein neues Album machen musst, um deine Miete zu bezahlen und nicht, weil du gerade fünfzehn geile Songs zusammen hast, die du aufnehmen willst.

Das ist sehr sympathisch und bodenständig! Habt ihr Angst, dass es irgendwann mal mit der Band zu Ende geht?
Das ist meine Grundangst: Was wäre, wenn das von jetzt auf gleich keiner mehr hören will oder sich die ganze Sache auflöst? Auch wenn ich nicht glaube, dass es passieren wird. Es wird immer Hürden und neue Situationen geben, aber die haben wir in den letzten fünfzehn Jahre auch schon gemeistert. Ich sehe mich definitiv noch in vierzig Jahren Musik machen, und wenn ich nur vor zwei Leuten in der Kneipe spiele (lacht). Ich wüsste nicht, was passieren müsste, damit sich das ändert.

Was war eigentlich die schönste Erfahrung, die du oder ihr als Band gemacht habt?
Es gibt so viele! Zum Beispiel rührende Briefe oder Kärbholz-Tattoos, von Axt bis Portrait. An ein Erlebnis bei einem Tourkonzert in Erfurt vor drei Jahren kann ich mich besonders gut erinnern. Es gab einen Punkt im Set, an dem ich so von den Leuten gerührt war, weil sie so leidenschaftlich mitgesungen haben und so drin waren, dass ich zum ersten Mal wirklich realisiert habe, was da passiert. Ich musste aufhören zu singen, habe einfach nur geguckt und Rotz und Wasser geheult. Das war ein emotionaler Zusammenbruch der positivsten Art!

Zum Schluss, wie geht’s weiter? Was sind eure Pläne und Ziele?
Der nächste Schritt ist das Album, also Songs schreiben und dann ab ins Studio. Ich habe jetzt auch eine Art Techno-Lied gemacht, das wollen wir auch elektronisch aufnehmen und live mit einem Looper spielen. Vielleicht kommen wir ja dann doch noch in die Clubs rein (lacht). Wahrscheinlich ist das Heimspiel* schon abgesagt, wenn dieses Interview hier gedruckt ist. Das ist sehr schade, denn es ist eines unserer Highlights und unser Festival. Auch für den Fußballverein SpVgg Hurst-Rosbach e.V. ist es ein wichtiges Standbein. Wir hoffen, dass wir die Tour im September nachholen können. Was glaubst du, wie dann die Stimmung sein wird? Das wird eine Explosion! Danke, Adrian, für das schöne Gespräch! Und von uns beiden an alle da draußen: Bleibt gesund!

Das Interview wurde von Janika Hampl geführt
Fotoquelle: Kärbholz

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