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Kopi Bali, oder “Warum filtern wir eigentlich unseren Kaffee?”

Kaffeekolumne von Uwe Prommer, Kaffeeröster aus Siegburg

Nun, warum nicht? Wir filtern schließlich eine Menge Sachen in unserer Umwelt. Luftfilter in unseren Klimaanlagen, Wasserfilter in der Trinkwasseraufbereitung, Ölfilter im Motor... Unser Alltag wird ständig gefiltert, gereinigt und geklärt. Fast immer geht es darum, die für den Menschen schädlichen Substanzen von den anderen, den gewünschten Stoffen, zu trennen. Den direkten Nutzen erfahren wir alle aktuell mit unseren Atemschutzmasken. Es geht also offensichtlich um die Abtrennung von Schadstoffen. Aber befinden sich denn schädliche Stoffe im Kaffee? Zum Glück wenige. Manche Menschen reagieren z.B. verstärkt auf Koffein. Hier hilft allerdings kein Filter. Zum Entkoffeinieren müssen die Rohbohnen recht aufwändig chemisch behandelt werden. Also, kann man Kaffee überhaupt ungefiltert genießen? Es ist Anfang der 90er, als ich meinen ersten Trip nach Asien unternehme. Ich bin unterwegs nach Bali, der Insel der Götter, mitten im indonesischen Archipel. Ich habe mich in einem privaten Cottage, einer einfachen Bambushütte eingemietet – nur Übernachtung, ohne Frühstück und Schischi. Als ich am späten Morgen nach einer intensiven und verschwitzten tropischen Nacht auf dem Balkon in meiner „Hammock”, meiner Hängematte liege, lausche ich dem Zirpen der Zikaden und träume in der Sonne vor mich hin. Eigentlich müsste ich wunschlos glücklich sein. Ich bin mitten im Paradies, es fehlt mir an Nichts, eigentlich… In diesem Moment höre ich die Stimme des balinesischen Hausmädchens zum ersten Mal: „Good morning Mr. Prommer, do you
want Kopi?”. Das wars. The missing link. Der Dot auf dem i… however, der balinesische Akzent klang nie so süß wie in diesem Moment. Was ich 10 Minuten später bekomme, ist ein original `Kopi Bali´ im Glas. Höllisch heiß, tiefschwarz und zuckersüß. Ich blieb 6 Wochen und habe in dieser Zeit gelernt, jeden Morgen, jeden Moment zu genießen. Kopi sei Dank. Mein erster ungefilterter Kaffee kam also zum perfekten Zeitpunkt. Mangels greifbarer Alternativen fiel es mir leicht, mich zu überwinden und diese „trübe Tasse” zu probieren. Bis dato kannte ich halt nur “Melitta gefilterten, klaren Kaffee”. Ohne Filter heißt: voller Geschmack, volles Aroma, volle Dröhnung. Übrigens, wusstest du, dass Kaffee bei den Profis, den Rohkaffeeeinkäufern weltweit, ungefiltert probiert, bzw. gecuppt wird? Das Aufbrühverfahren ist ähnlich wie beim Kopi Bali, aber nach streng standardisierten Verfahren und natürlich ohne Zucker! Anyway, wenn also das Filtern, d.h. die me-chanische Abtrennung von Stoffen, die Geschmacksvielfalt reduziert, warum zum Donner machen wir uns dann die Mühe? Ganz einfach, weil´s chic ist. Schließlich war es nur die feine Gesellschaft des beginnenden 20. Jahrhunderts, die sich den Luxus des edlen Gebräus leisten konnte. Man filterte damals noch recht umständlich mit gefalteten Löschpapieren und so gelang es im Jahre 1908 der erfinderischen Melitta Benz, ihren gleichnamigen Kaffeefilter zum Patent anzumelden. Und dieser wird bekanntlich bis heute höchst erfolgreich vermarktet. Noch immer ist Filterkaffee, trotz Vollautomaten und Kapselsystemen, der am häufigsten getrunkene Kaffee der Deutschen. Ich möchte Euch jedenfalls ermuntern, euren `kleinen Schwarzen´ einmal pur zu genießen oder zumindest nur ganz grob zu filtern (wie beispielsweise in der French Press, der gläsernen Stempelkanne). Freut euch auf ein völlig neues Geschmackserlebnis.

How to brew a Kopi Bali:

Zubereitung: 1 großes, hohes Glas, 2 gehäufte Esslöffel feinst gemahlener Kaffee oder Espresso, 10 g Zucker.

Das Kaffeepulver kommt mit dem Zucker ins Glas und wird mit kochendem Wasser aufgegossen (Achtung: den Löffel stecken lassen, damit das Glas durch die plötzliche Hitze nicht zerspringt). Nach
5 Minuten die Kaffeekrone unterrühren und kurz abwarten bis sich die Schwebstoffe abgesetzt haben. Und dann: vorsichtig genießen (das Zeug ist echt heiß).

Ungefilterter Kaffee ist eine sehr intensive Erfahrung.

In diesem Sinne: Namaste – euer Uwe P.

Weitere Stories & Tipps gibt es in der nächsten Ausgabe – enjoy your aroma of heaven!

 

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